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(Philosophie) "the star spangled banner" (Hendrix) Versuch einer Analyse

Hallo,

meiner Kenntnis nach spielten damals diverse US-Fernsehsender zum Sendeschluß die amerikanische Nationalhymne.
Optisch untermalt wurde dies durch Filmsequenzen in denen regelmäßig die neuesten techn. Kriegsgeräte in Aktion gezeigt wurden.
Das alles zusammen stellte sich dann als eine Art martialischer, heroischer, patriotischer Inszenierung dar; so wollten gewisse Kreise US-Amerika gerne sehen, bzw. darstellen.

Dies entlarvte Hendrix mit seiner Woodstock-Darbietung, indem er quasi in der "Verpackung" der Nationalhymne eine Geschichte erzählte, dabei eine (ganz andere) Realität offenlegte, wonach sich die Hymne nicht mehr als "Lobgesang" im Hinblick auf die Ideale, die sie eigentlich assoziieren soll, sondern als reine Heuchelei darstellen mußte.

Er spielte die Hymne an, führte dann quasi akustisch die Kriegsgeräte vor, wie im TV-Spot, leitete aber dann über, im Gegensatz zum TV-Spot, in die Darstellung des Leides, das diese Waffen auslösen.
Das Heulen von Raketen, Granaten, Geschossen und das angst- und leidvolle Stöhnen und Schreien der Opfer jener Waffen verschmolz Hendrix zu einem apokalyptischen Inferno, das die Nationalhymne, deren eigentliche Intention, zu verdrängen, erdrücken versuchte.
Weiter spielte er in einer Art "Endgesang", "Endzeit", jenes melancholische Trompentensolo an (der Namen ist mir entfallen), das beim amerikanischen Militär wohl bei Begräbnissen gefallener Soldaten gespielt wird.
Zum Abschluß kehrt Hendrix aber wieder zur Hymne zurück, als ob er damit die Hoffnung zum Ausdruck bringen wollte, daß vielleicht doch noch nicht alles verloren ist (?), und um die "Verpackung" wieder zu schließen.

Das alles würde ich als Gesellschaftskritik verstehen, die in ihrer Schärfe aber haarscharf als Verunglimpfung einer Nationalhymne und damit eines Staates hätte interpretiert werden können (ich glaube da sind die meisten Staaten ziemlich empfindlich).

Somit stand hier Hendrix wohl mit einem Bein im Gefängnis. Über Reaktionen der Presse oder Öffentlichkeit ist mir nichts bekannt.
Aus Filmauschnitten weiß ich nur, daß Dick Garret in seiner gleichnamigen Talkshow Hendrix`s Darbietung als "unorthodox" bezeichtnet hatte, worauf Hendrix aber lediglich erwiderte, das er sie nicht unorthotox sondern "schön" fände, sich hier offenbar auf eine Diskussion garnicht einlassen wollte (wie gesagt, kenne ich nur Ausschnitte der Talkshows, vielleicht wurde das Thema doch noch vertieft).

Zum Glück ordneten die Verantwortlichen bzw. Machthaber wohl seine Interpretation der Nationalhymne unter künstlerischer Freiheit ein, hatten seine scharfe Kritik wohl garnicht richtig geschnallt, hatten besagte TV-Spots schon so verinnerlicht, als normal angesehen (im waffenstrotzenden US-Amerika wohl kein Wunder), daß sie in ihrer Oberflächlichkeit wohl Hendrix`s Darbietung lediglich als Variante, vielleicht sogar als "Gag" sahen.

Hendrix war sich aber offensichtlich seiner gefährlichen Gradwanderung bewußt, er vermied nämlich auffallend, beim Spielen der Hymne irgendwelche optischen Mätzchen zu machen, er stand ganz ruhig da, wollte wohl damit der Sache eine gewisse Würde, Ernsthaftigkeit verleihen, nicht in den Verdacht geraten, die Hymne, und vor allem auch die Menschen, auch die rechtschaffenen, die respektvoll bei ihr die Hand zum Herzen führen, verhöhnen zu wollen.
Denn diese Hymne (wie andere auch) für sich gesehen, kann ja ruhig stellvertretend für Ideale stehen, dann ist ja in Ordnung, wenn man ihr mit Respekt gegenübertritt.

So gesehen, bekommt ja schon besagter TV-Spott, bei dem die Hymne durch die Waffendarbietung "zweckentfremdet" wird, einen ganz anderen "Tatch" (wie ein Werbefilm für die Waffenlobby), garnicht im Sinne des Erfinders, und stellt schon eine Zweckendfremdung, ja eine Verunglimpfung dar.

gruß, karbes

Re: (Philosophie) "the star spangled banner" (Hendrix) Versuch einer Analyse

Hi,

schön zusammengefasst.

Das alles würde ich als Gesellschaftskritik verstehen, die in ihrer Schärfe aber haarscharf als Verunglimpfung einer Nationalhymne und damit eines Staates hätte interpretiert werden können (ich glaube da sind die meisten Staaten ziemlich empfindlich).

Ich würde noch einen Schritt weitergehen und behaupten, Teilen der US-Bevölkerung wurde klar, dass die TV-Version der Nationalhymne eine Verunglimpfung bzw ein propagandistischer Missbrauch war. Hendrix konnte demnach für etwas, wovon viele überzeugt waren, nicht öffentlich angeprangert werden. In einer späteren, posthumen Radio-Biographie ("life lines", ich weiß nicht, welcher Sender) wurde stattdessen Hendrix' Mitgliedschaft bei den berühhhmtem Screamin' Eagles, der Elite Luftlandetruppe (51st Airborne oder so) herausgestellt. Hendrix als der wahre Patriot, sozusagen.

Soviel zu Somit stand hier Hendrix wohl mit einem Bein im Gefängnis. Über Reaktionen der Presse oder Öffentlichkeit ist mir nichts bekannt.

Weiterhin schreibst du
Aus Filmauschnitten weiß ich nur, daß Dick Garret in seiner gleichnamigen Talkshow Hendrix`s Darbietung als "unorthodox" bezeichtnet hatte, worauf Hendrix aber lediglich erwiderte, das er sie nicht unorthotox sondern "schön" fände, sich hier offenbar auf eine Diskussion garnicht einlassen wollte (wie gesagt, kenne ich nur Ausschnitte der Talkshows, vielleicht wurde das Thema doch noch vertieft).

Das war doch nun wirklich total oberflächliches TV-Blabla. Ernsthafte Kritik war weder beabsichtigt noch wurde sie erwartet. Der Verweis auf die Unorthodoxie der hendrix'schen Nationalhymnenversion war ebenso salopp wie der auf den Kimono, den er trug, nicht? Das Publikum kicherte beherzt und damit war's gut. Ich jedenfalls kann keinen Gegenwind zu Hendrix' Version erkennen. Und: hieß der Moderator nicht Cavett? Muss nochmal nachgucken.


Somit triffst du mMn ins Schwärzeste, wenn du behauptest Zum Glück ordneten die Verantwortlichen bzw. Machthaber wohl seine Interpretation der Nationalhymne unter künstlerischer Freiheit ein [und ordneten] Hendrix`s Darbietung lediglich als Variante, vielleicht sogar als "Gag" [ein].


Wenn ich die Woodstock-Version sehe und mir ins Gedächtnis rufe, wieviel Arbeit es ist, mit Strat, Fuzz, Octaver und Vibe mittles massiven Tremoloeinsatz eine abgeworfene Napalmbombe zu simulieren, dann kommt mir zu deiner Beobachtung er vermied nämlich auffallend, beim Spielen der Hymne irgendwelche optischen Mätzchen zu machen, er stand ganz ruhig da, wollte wohl damit der Sache eine gewisse Würde, Ernsthaftigkeit verleihen, nicht in den Verdacht geraten, die Hymne, und vor allem auch die Menschen, auch die rechtschaffenen, die respektvoll bei ihr die Hand zum Herzen führen, verhöhnen zu wollen. am ehesten ein, dass es voller Konzentration bedarf, das zu leisten. Dagegen ist ein Purzelbaum mit Strat bei "Rock Me Baby" eine Kleinigkeit. Respekt und Rücksicht ok, immerhin kritisierte er mit der Version das massenhafte Sterben von Menschen, aber nicht Rücksicht auf die Patrioten im konservativen Sinne.

Denn diese Hymne (wie andere auch) für sich gesehen, kann ja ruhig stellvertretend für Ideale stehen, dann ist ja in Ordnung, wenn man ihr mit Respekt gegenübertritt. Das traue ich Hendrix weder zu noch geben es irgendwelche Biografien (die am besten rechercierte ist mMn "Crosstown Traffic" von Charles Murray) her. Ich sehe die Woodstock-Version von "Star Spangled Banner" als eine Entlarvung des propagandistischen Missbrauchs der Hymne und ein in-der-Luft-Zerreißen des falschen Ideals der Weltpolizei USA, die mal eben hier und da Probleme durch militärische Übermacht löst. Übrigens immer noch topaktuell das Ganze...

Danke für den interessanten Denkanstoß.

cu, ferdi

Re: (Philosophie) "the star spangled banner"

Hi,

ich bin ansich auch eher einer der jenigen, die etwas so hinnehmen, wie es ist...
Warum der Maler XY eine Leinwand komplett blau bemalt hat,
ist mir schnurz.

In Hendrix denke ich auch nur kurz drüber nach, warum er
wohl die Hymne so inszeniert hat..

Aber darum nennt man es ja Interpretation und nicht Tatsachenbericht :-)

cu
Oliver


Re: (Philosophie) "the star spangled banner"

: Hallo!
: Ich bin der Meinung, dass solche üppigen Interpretationen oft weit über die eigentliche Intention des Künstlers hinausgehen. In diesem Fall finde ich sie aber interessant und schlüssig. Vielleicht stimmt ja alles :).

Hallo Patrick,

ich kann nicht verstehen, wieso es immer noch Leute interessiert, "was der Künstler damit sagen wollte". Wer einen Text (hier mal strukturalistisch verstanden als jegliche kulturell relevante Äusserung) liefert, hat damit meiner Auffassung nach jeglichen Anspruch auf Deutungshoheit an der Kasse abgegeben. Das war doch die grosse Leistung des Poststrukturalismus, die Textinterpretation in jeglicher Hinsicht zu öffnen und so eben neue Sinnhorizonte an zwei Fronten zu liefern: Zum eine zu Fragen, was ein (künstlerischer) Text mir zu einer bestimmten Fragestellung sagen kann, aber auch: Was kann mir eine bestimmte Fragestellung zu einem Text sagen? Wunderbar exerziert wird das z.B. von Slavoj Zizek, der sich Hitchcock-Filmen mit den Mitteln der Lacan'schen Psychoanalyse nähert, bzw. genau andersrum. Natürlich gibt es Grenzen der Interpretation (siehe das gleichnamige Buch von Umberto Eco), aber die fangen m.E. da an, wo sich Modelle nicht mehr in zureichender Weise am Text festmachen lassen können (was natürlich immer im Einzelfall zu verhandeln ist). Es geht aber auch darüber hinaus: Klaus Theweleit hat im Buch der Könige z.B. den Orpheus und Eurydike-Mythos als Blaupause u.a. zur Untersuchung von Ehen diverser bekannter Leute benutzt und ziemlich interessante Erkenntnisse gewonnen. Ein Mythos ist natürlich ein Sonderfall von kultureller Äusserung, aber ich denke: Wenn's irgendeinen Erkenntnisgewinn bringt, dann ist jedwede Interpretation erlaubt. Ob man das kann Nachvollziehen kann oder nicht, steht auf einem anderen Blatt. :)

Ich finde die Hendrix-Interpretation auch sehr interessant, auch, weil ich mich noch nie damit beschäftigt habe. Ein paar Parallelen sehe ich zur Tour von Neil Young während des ersten Golfkrieges, bei der er in der Mitte des Konzertes Kriegsgeräusche von Band laufen liess, und dann mehrstimmig "How many roads" sang - eine ziemlich pathetische Angelegenheit, aber auch ein gutes Beispiel dafür, wie man sich auch mit künstlerischen Mitteln effektiv äussern kann, hier in dem Sinne: O.k., dann müssen wir eben nochmal ganz von vorne anfangen, wenn's sein muss bei dem abgenudeltesten Protestsong, den man sich vorstellen kann. Ich halte das für "ehrlicher" als sich hinzustellen und sagen, Bush ist ein Arschloch. Das empfinde ich als Instrumentalisierung der eigenen Populariät und ist nicht weit entfernt vom nächsten Pepsi-Werbevertrag. Natürlich sollen sich Künstler politisch äussern können, aber wenns nicht weiter reicht als zu billigem Popularismus ist das schon ein ziemliches Armutszeugnis.

maddin

Re: (Philosophie) "the star spangled banner"



Hi.

ich kann nicht verstehen, wieso es immer noch Leute interessiert, "was der Künstler damit sagen wollte".

Nun.

Vielleicht um der zentrumslosen Struktur des Textes [Hey, Du hast mit (Neo-)Strukturalismus angefangen] mal andere Deutungsmuster als nur das eigene, einzelne Denken entgegenzuhalten?

Dass sowas als Prinzip sehr fruchtbar ist, beweisen Deine eigenen Beispiele.

Warum nicht auch mal schauen was passiert wenn man versuchsweise - als eine von viele Sinn- und Deutungsmöglichkeiten - den Künstler selbst als Deutungszentrum zu setzen?

Solange dann niemand - mit gestrecktem Zeigefinger auftriumphierend - eine endgültige oder einzig legitimen Deutungen entlarvt haben will.

Seh ich hier aber nicht.


Gruß,
groby
*

Re: Versuch einer Analyse

Hallo Martin,

ich habe in meinen Ausführungen ausschließlich eigene Gedanken wiedergegeben, andere Quellen kennzeichne ich grundsätzlich.(übrigens ist mein neues Pseudonym "wilhelm", früher verwendete ich "Karbes", habe hier aber vergessen, das Pseudonym in meiner schon älteren „Abhandlung" abzuändern).

Es freut mich, und habe auch nichts dagegen, wenn Du meine Ausführungen für den Musikunterricht verwenden willst, vielleicht können dadurch auch ein Stück weit die Vorurteile gerade gerückt werden.
Es ist doch leider so, daß, nicht zuletzt durch Medien verursacht, die „breite Masse" Hendrix meist reduziert auf einen Rauschgift konsumierenden "Krach-", oder "Purzelbaum-Macher", "mit den Zähnen und hinterücks- Spieler und Gitarrenanzünder".

Durch solche Vorurteile, gepaart mit der Unart einiger Hinterhof-Plattenlabes, jeden noch so belanglosen musikalischen Furz, den Hendrix mal im Studio von sich gab , jeden irgendwo in der Mülltonne gefundenen Tonbandschnipsel auf Platte zu veröffentlichen, wurde und wird unzähligen Menschen der Zugang zu diesem Musik-Genie schon von vorne herein versperrt. Noch schlimmer dabei ist, daß so manche Leute, die nur besagten Schrott gehört haben (und dadurch ein weiteres Interesse gar nicht erst aufkommt) sogar noch meinen, Hendrix-Experten zu sein (im ablehnenden Sinne).

Wer Hendrix nur auf den "wilden Mann" reduziert, sollte sich mal z.B. nur folgenden Text zu Gemüte führen:

"Castles Made of Sand" Schlösser aus Sand (Luftschlösser) aus der LP (CD) "Axis Bold as Love" von 1967:

""Auf der ganzen Straße kann man ihr kreischen hören "du bist ein Schandfleck"
Als sie ihm die Türe vor seinem betrunkenen Gesicht zuschlug, stand er draußen
und hörte wie seine Nachbarn begannen zu klatschen und zu faseln.

Und so fielen schließlich die Schlösser aus Sand in den See

Er ruft, "oh Mädchen du mußt verrückt geworden sein, was ist mit der süßen Liebe zwischen uns geschehen?"
Er lehnte sich an die Türe und begann eine Szene.
Und seine Tränen fielen und entbrannten den Garten grün.

Und so fielen.....

Ein kleiner tapferer Indianerjunge spielte mit seinen Indianerfreunden Kriegsspiele im Wald
noch bevor er 10 Jahre alt war und er träumte davon, daß, wenn er erwachsen wäre,
er ein furchtloser indianischer Kriegshäuptling sein würde.
Viel Monde vergingen und aus dem Traum wurde Ernst,
bis morgen würde er sein erstes Kriegslied singen und in seiner ersten Schlacht kämpfen,
aber etwas lief falsch, ein überraschender Angriff tötete ihn in dieser Nacht als er schlief.

Und so fielen....

Da war ein junges Mädchen, ihr Herz war verhärtet, weil sie ein Krüppel für ihr ganzes Leben war und keine Silbe sprechen konnte.
Und sie flehte und betete um das Ende ihres Lebens und sie entschloß sich zu sterben.
Und sie zog ihren Rollstuhl an den Rand des Ufers und sah lächelnd auf ihre Beine und sagte:
"ihr werdet mir nicht mehr weh tun".
Aber dann ließ sie ein Zeichen, das sie noch niemals sah, aufspringen und sagen:
"schaut, ein goldenes Schiff mit Flügeln kreuzt meinen Weg".
Und es brauchte wirklich nicht anzuhalten..., es fuhr für immer.

Und so fielen....""

Das ist melancholische Poesie, die sich gegen sonstigen weitverbreiteten textlichen "Schwachfug" deutlich abhebt.
Dazu kommt die gefühlsbetonte Vortragsweise, die einzigartige unnachahmliche Spielweise und der Gesang; hier paßt einfach alles.

Und wer meint, er könne das vergleichsweise einfach gehaltene, sparsam verzerrte Gitarrenspiel bei obigem Stück locker nachspielen, sei gesagt, er kann es nicht, es fehlt immer noch das gewisse Etwas, zudem man machen kann was man will, es ist und bleibt immer was nachgespieltes, es ist nichts eigenes.
Übrigens hätte er nach meinem Geschmack die in dem Titel rückwärts gespielten Parts (auf dem linken Kanal) weglassen können, daß Stück hätte an Ausdruckskraft nichts eingebüßt.

Daß Hendrix schon so früh starb, ist menschlich natürlich äußerst tragisch, aber musikalisch hätte er sich wahrscheinlich für meinen Geschmack in die falsche Richtung bewegt, er wäre für mich zumindest musikalisch uninteressanter geworden.
Schon bei „Electric Ladyland" war erkennbar, daß er vom Trio-Konzept zunehmend abgehen wollte. Und auf den Platten die nach seinem Tod heraus kamen („Crasch Landing" usw.), haben dann noch diverse Studiomusiker auch noch ihren Senf dazugespielt, Was für mich ein Indiz war, daß sie seine musikalische Kraft überhaupt nicht begriffen haben, die Kraft, die von „nur" drei Leuten ausging. Mit für heutige Verhältnisse bescheidenster Instrumenten-/ Bühnen-Technik. Dieses Trio konnte um Welten musikalisch mehr faszinieren als so manche Groß-Kapelle mit 5 Gitarren, Bläsern, Streichern und 3 Sythesizerburgen.

„Band of Gypsies" (live Silvester 69/70) dürfte nach meinem Geschmack die Vollendung seines Trio-Konzeptes sein, ein Meisterwerk und bis heute unerreicht ( Smash Hits", „Axis..." „Royal Albert Hall" und „Isle of Wright" natürlich auch, und jazziger, auch dank Mitch Mitchel..)

Ich meine die "Ur"- LP/CD mit 6 Titeln drauf (Polydor) sie ist von der Titelauswahl in sich schlüssig.
Später kam noch eine CD aus Japan mit 3 zusätzlichen aber schwächeren Titeln.
Und die vor ein paar Jahren rausgekommene "ergänzende" Doppel-CD "Band of Gypsys live at the filmore east" hat auch Schwachstellen, sollte dennoch in einer Sammlung nicht fehlen
.
Dagegen gefällt mir "Monterey" von 67, das eigentlich am meisten hochgejubelt wurde, am wenigsten (der einzige Lichtblick ist vielleicht "like a rolling stone",). Hieran sieht man, daß Hendrix nur auf „Rabatz" (Gitarre anzünden) reduziert wurde.
Der Sound der Gitarre gefällt mir da überhaupt nicht, sie verzerrt zu stark, zu rau, die Gitarre "knattert" regelrecht, außerdem gibt es auf diesem Konzert wohl größere Probleme mit der Stimmung der Instrumente und dem Gesang.
Das Hendrix manchmal auch wie ein Stümper spielte, bestreite sogar ich als Fan nicht, es beweist aber doch die Ehrlichkeit dieser Art von (nicht reproduzierender) Musik, es liegt in ihrer Natur, daß die momentane Stimmung sich unmittelbar im Spiel niederschlägt.
Nur daß manche "Experten" in den Plattenfirmen das nicht erkennen, und mit schlechten Platten (wie gesagt, fast jeder "Pups" wurde auf Platte gepresst) potentielle neue Fans verjagen, garnicht erst zu Fans werden lassen, ist schon peinlich.

Um zu den "Sahnestücken" zurückzukommen; ich gehe davon aus, daß Du die "Band of Gypsys" CD kennst, bzw. parat hast (die erste, noch von Polydor, nicht die späterere doppel- CD).
Schon die ersten Töne von „Machine Gun" sind eine musikalische Offenbarung, die Gitarre klingt als ob sie verzweifelt und deprimiert wäre. Das kann niemand nachspielen, selbst Hendrix konnte das nicht 100%tig reproduzieren, es spielte auch Zufall, Raumakustik usw. eine Rolle, aber was soll`s, die Töne sind nun mal so, wie sie sind, für immer auf einem Medium verewigt. Dann höre Dir beispielsweise bitte mal bei Stück 6 ("we gotta live together") die 14 Sekunden zwischen 3.55 und 4.09 min an, da wiederholt er ein kurzes Thema drei mal (als Abschluß oder Überleitung sozusagen) , aber in einer für ihn typischen absolut unnachahmlichen Weise, Hendrix zerreißt in der Wiederholung zunehmend das Thema, "zerfleddernd", "torkelnd" und "tscheppernd".

Ich habe Probleme, für das gehörte, für die Spielweise die richtigen Worte zu finden, es wird dafür auch keine "Fachbegriffe" geben.
Für sich alleine gesehen braucht natürlich kein Hörer zu wissen, wie man solche musikalischen "Verzierungen" oder "Phrasierungen" im einzelnen nennt, normalerweise „zerflücke" ich auch nicht Musik so, wie ich das hier tue, aber wenn man sich drüber unterhalten will, wird`s schwierig, wenn der eine wissen will, was der andere meint.

Hendrix läßt ja generell kaum einen Ton so einfach ausklingen, nein, da hängt immer noch so ein zuweilen unterschwelliges "Geplänkel" dran, als ob die Gitarre neben dem eigentlichen Ton auch noch atmen, schlucken, aufstoßen, schluchzen etc. müßte/würde.

Für mich ist seine Spielweise jedenfalls atemberaubend.
Sogar (ziemlich häufige) Spielfehler stören dabei nicht, passen da regelrecht rein, werden als solche nicht vom Hörer interpretiert, denn wenn man beim Singen oder Sprechen auch schon mal stockt, sich verspricht, nach Worten sucht, oder an der falschen Stelle nach Luft schnappt, ist das ja all zu menschlich, und deshalb klingt, meine ich, seine Gitarre auch so "lebendig".
Sein Spiel erinnert an des Menschen eigene Unzulänglichkeiten.

Das geht nur, wenn man sein Instrument im Schlaf beherrscht, es muß einem regelrecht angewachsen sein.
Es sprengt alles dagewesene und wohl auch kommende (da möge jemand nur mal versuchen, z.B. nur oben besagtes Beispiel in Notenschrift umzusetzten, und zwar so, daß es aus den Noten wieder reproduzierbar ist, ich glaube, das wird kaum gehen). Solche Musik ist dazu geschaffen, auf Tonträgern verewigt zu werden, Noten sind da eher hinderlich, auch aus musialisch schöpferischer Sicht.

Duke Ellington soll gesagt haben. "Jazz ist die Freiheit, viele Formen zu haben"

Nach dieser Interpretation würde ich auch Hendrix eher bei den Jazzmusikern einordnen wollen (obwohl an sich Einordnungen schnurz sind), was aber von der Fachwelt kaum oder nur in Ansätzen so gesehen wird (vielleicht wollen die Jazzer gerne unter sich bleiben, da sind sie auch nicht besser als die Klassiker..) und ich erkenne in der Spielweise, der Ausdrucksform, gewisse Ähnlichkeiten zu der diverser Jazz-Saxophonisten, die auch aus ihren Instrumenten fast menschliche Töne herausholen („atmen", „röcheln", „schnattern", „schnarren", „glucksen" ....)
Ich glaube sein Vater spielte früher Saxophon, vielleicht hat das abgefärbt, Hendrix wurde wohl solche Musik in die Wiege gelegt, er wuchs damit, wie auch in einem speziellen sozialen Umfeld auf. Wer dieses „Glück" (auf die Musik bezogen) nicht hatte, kann noch so viel üben, es fehlt einfach das nötige Grundfundament (das entsprechende Schicksal), das nötig ist, damit sich der „Blues" einstellt. Die Geschichten vom „Bluesmusiker aus ärmlichen Verhältnissen" sind in den meisten fällen keine Marketing-Gags, sie sind einfach Tatsachen, die sich dann in der Musik bestätigt finden.

Ich habe alle Hochachtung vor Leuten, die Hendrix-Musik mehr oder weniger gut nachspielen können (ich habe es nach 15 jährigem Versuchen aufgegeben..), es zeugt von einer außergewöhnlich hohen Musikalität (man kann es ja nur abhören, die diversen Hendrix-Notenhefte kann man ja absolut vergessen..), aber alle bisher angekündigten „Hendrix-Nachfolger" haben mich bisher jedesmal mehr oder weniger enttäuscht; nicht zuletzt deshalb, weil die alle zu "perfekt", "antiseptisch", "akademisch" spielen.

Viele selbsternannte oder hochgejubelte Hendrix "Nachfolger" meinen nämlich, sie seien es schon deshalb, weil sie möglicht viele Töne in der Sekunde "schaffen" (seelenloser Leistungs- oder Schnelligkeitswahn).

Aber gerade bei Hendrix kommt es ja garnicht so sehr auf das Schnellspielen an, sondern darauf, etwas mit dem Instrument zu "erzählen", das setzt aber voraus, daß man auch was zu erzählen hat, und das haben viele Musiker einfach nicht, was man dann auch hört, und Spieltechnik allein macht`s eben nicht.
In der "Erzählung" muß sich natürlich auch der Zuhörer wiederfinden.
Wenn es ein Musiker schafft, mich emotional so anzusprechen, daß ich den Eindruck gewinnen muß, daß er mit mir „schicksals-" oder "seelenverwandt" ist, interessiere ich mich automatisch auch für den Menschen, der hinter der Musik steckt (sei es Bach, Debussy oder Hendrix..).

Das kann aber jeder halten wie er will, auch Martin Abend, der nicht verstehen kann, wieso es immer noch Leute interessiert, "was der Künstler damit sagen wollte".

gruß, wilhelm

Re: (Philosophie) "the star spangled banner"


: Warum nicht auch mal schauen was passiert wenn man versuchsweise - als eine von viele Sinn- und Deutungsmöglichkeiten - den Künstler selbst als Deutungszentrum zu setzen?

klaro, kann man - wie schon gesagt - auch machen, aber in Gegensatz zur konservativen Kulturkritik kann das nur ein Bruchteil von dem sein, was man auch einem Text rausholen kann.
:
: Solange dann niemand - mit gestrecktem Zeigefinger auftriumphierend - eine endgültige oder einzig legitimen Deutungen entlarvt haben will.
:
: Seh ich hier aber nicht.

ich auch nicht.

Maddin

Re: Versuch einer Analyse



Hi.

Das kann aber jeder halten wie er will, auch Martin Abend, der nicht verstehen kann, wieso es immer noch Leute interessiert, "was der Künstler damit sagen wollte".

Was Martin meinte [und was auch das Wort "Analyse" für mich bedeutet], setzt Offenheit für andere Sichtweisen als nur die vermuteten des Künstlers voraus und erfordert auch mal ein bisschen kritische Distanz.

Aber Du bist halt durch und durch ein leidenschaftlicher Fan. Entweder man teilt diese Verehrung und sagt nur "Genau".

Oder eben nicht. Dann fängt man aber besser gar nicht erst mit Diskutieren an.

Deswegen höre ich jetzt auch wieder auf.

Die Geschmäcker... (etc).


Gruß,
groby
*


Re: (Philosophie) "the star spangled banner" (Hendrix) Versuch einer Analyse

Hi Karbes,

[alles gesnipt, was mir als Nicht-Filosof eh' zu hoch ist]

Ich will Jimis pazifistische Haltung überhaupt nicht anzweifeln, die sich ja -wie Du weiter unten so schön zitierst- u.a. in "in castles made of sand" ausdrückt.

Ich glaube aber, dass er beim Vortragen von Star Spangled Banner als wakeup-call auf dem noch verschlafenen Festivalgelände eher deswegen mit einem Bein im Knast stand, weil er stoned war wie 1000 Mann.

Ansonsten: "Maybe we should repeat it from the first verse.... HUUUURZZZ"

: gruß, karbes


just my .02€

HanZZ

Re: "Diskussionskultur"



Hallo groby,

„setzt Offenheit für andere Sichtweisen ... voraus"

Ich gebe meine Sichtweise wieder, was sonst, andere Sichtweisen sollen die ausführen, die sie vertreten. Aber bisher steht doch in diesem Thread nur meine Sichtweise, eine andere, der ich (Deinem „Wunsch" gemäß) offen gegenüber stehen sollte, und das auch täte, warum nicht, sehe ich bisher noch nicht in diesem Thread stehen.
Ich kann doch nur meine subjektive Sichtweise darlegen, alles andere ist doch nachplappern der Sichtweisen anderer.
Man kann auf meine Ausführungen in der Sache eingehen, oder es lassen.

Wenn ich schreibe „wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter, oder es bleibt wie es ist" habe ich wohl nirgendwo angeeckt, der Satz ist aber auch sinnlos, er sagt nichts aus, erzeugt keine Spannung, ist in sich geschlossen, läd zu keiner Diskussion ein, also schlicht überflüssig außer in seiner Funktion als Lacher.

„Entweder man teilt diese Verehrung und sagt nur "Genau"."

Ich weiß nicht was Du (von mir) willst.
Ich Teile meine Meinung, meinen Geschmack mit, wobei jedem frei steht, sich darüber zu äußern, natürlich auch gegenteilig.
Wenn ich der Meinung bin, das ein Musiker gut ist, und ich das auch begründe, kann jeder das Gegenteil behaupten (idealerweise begründet), das ist für mich Diskussionskultur, aber eine Diskussion hat hier ja noch gar nicht begonnen, und wird wie es aussieht, wohl auch nicht zustande kommen.
Wie kommst Du darauf, mir zu unterstellen, ich erwartete vom Leser bedingungslose, ja gar kniefallmäßige Zustimmung meiner Ausführungen.

Statt eine Diskussion anzuregen, „ernte" ich ein fremtwortgespicktes pseudo-intellektuelles Kauderwelsch eines Martin Abend, der es noch nicht einmal für nötig hält, direkt mit mir zu reden, es lieber vorzieht mit dritten ÜBER mich zu reden.

„Deswegen höre ich jetzt auch wieder auf."

In der Tat werden wir auf diese Weise miteinander bestimmt nicht warm werden.

gruß, wilhelm


Re: "Diskussionskultur"

: Statt eine Diskussion anzuregen, „ernte" ich ein fremtwortgespicktes pseudo-intellektuelles Kauderwelsch eines Martin Abend, der es noch nicht einmal für nötig hält, direkt mit mir zu reden, es lieber vorzieht mit dritten ÜBER mich zu reden.

Öhh, wo habe ich denn ÜBER Dich geredet? Habe mir meine beiden Beiträge nochmal durchgelesen und nichts gefunden. Liegt vielleicht daran, dass ich direkt auf Patricks Beitrag geantwortet habe...

Ich bin durchaus auf zumindest einen speziellen Teil deiner Analyse eingegangen, wenn Dich das nicht interessiert, ist das nicht mein Problem. Aber wenn schon die Benutzung einfacher Fremdwörter den lächerlichen Vorwurf von "Pseudointellektualität" mit sich bringt, dann liess doch einfach weiter die Bildzeitung und tu nicht so, als ob Du an einer Diskussion interessiert wärst.

Beste Grüsse *eines* Martin Abend... Dz.

P.S.: Super Schlagzeile heute in der B.Z: "Saddam aus Erdloch gezogen... und rasiert!"

Re: Versuch einer Analyse

Hi,

das Einzige, was mich an deinen Ausführungen stört, ist

musikalisch hätte er sich wahrscheinlich für meinen Geschmack in die falsche Richtung bewegt

Die Relativierung duch "für meinen Geschmack" lasse ich gelten, und finde, dass ihr alle den Ball ruhig etwas flacher halten könntet. Wenn hier jemand volle Kanne und kompromisslos auf Hendrix steht, dann lasst ihn doch.

Man muss ja nicht auf alles posten (huch, da fasse ich mir mal schnell an die eigene Nase).

cu, ferdi