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(Meinung) Noch mal zu DT, LTE, KC, GG, SB und überhaupt ...

Also Bernd, so ganz kann ich Dich mit dem Thema nun doch nicht alleinlassen

Nun habe ich mir also über's letzte Wochenende ohne persönliche Rücksichtnahme LTE II reingetan. Und ich habe mich insbesondere darauf konzentriert, was LTE und DT, obwohl mit stilistischen und personellen Parallelen, so unterschiedlich macht. Zum einen ist das sicher Tony Levin, der nicht gerade zu den stillen Bassisten/Stickisten gehört und seinen Einfluss geltend gemacht haben wird (Gott sei Dank ...). Und ich muss auch gestehen, dass mir diese Songs um Längen besser gefällt als alles von DT.

Der zweite wesentliche Unterschied ist aus meiner Sicht der, dass DT sich überwiegend auf hemmungslose Schredderei konzentriert, während LTE Anleihen aus Pop, Jazz, Blues und wer-weiss-noch macht. Auf diese Weise kommt LTE zu einer riesigen Bandbreite an Sounds and Sights, und zu einer eigenen Stimmung, weil auch das sein darf, was bei reinen DT-Fans als Schmusemusik abgelehnt würde.

Und das ist IMHO eben das, was den Progressive Rock ausmacht: die Freiheit und Möglichkeit, alle Stilistiken und Stimmungen integrieren zu können, insbesondere Klassik und Jazz. Ich würde LTE mal, trotz Teilnahme von Monsinore P.Trucci, als typischen und positiven Vertreter des ProgRock der 90er gelten lassen.

Re: (Meinung) Noch mal zu DT, LTE, KC, GG, SB und überhaupt ...

Ich habe in den letzten Tagen auch ein bißchen über das Thema nachgedacht...
Was mir an LTE gut gefällt, ist die gewisse Leichtigkeit, mit der sie ihr Handwerk betreiben, und der Humor, den sie in ihre Stücke hineinbringen. Das fehlt mir an DT ein bißchen: die gewisse Selbstironie.
Zum Anderen: Was mich am "Progressive Rock" ein bißchen stört, ist die Bezeichnung an sich: was ist daran denn progressiv? Wie schon gesagt: DT kann ich mir ganz gut anhören (vor allem, wenn der Sänger mal still ist) - aber was ist daran progressiv? Diese ganzen "abgefahrenen" Elemente wie ungerade Takte etc. gabs doch schon in den 70ern bei King Crimson, Van der Graaf Generator, Zappa et al. Das ist doch eigentlich nix großartig Neues. Und schnell spieln konnten die Jungs vom Mahavishnu Orchestra auch schon... Am "progressivsten" scheint mir immer noch King Crimson, bei denen habe ich den Eindruck, daß sie tatächlich öfters mal Neuland betreten (freie Improvisationen ab den 70ern, Polyrhytmik ab den 80ern etc.)
Meinungen dazu?

Johannes

Re: (Meinung) Noch mal zu DT, LTE, KC, GG, SB und überhaupt ...

Der Begriff 'Progressive Rock' stammt ja auch aus den 70er Jahren, und meinte damals die Integration von Klassik, Jazz und Rock in eine gemeinsame Richtung, daher in meinem Verständnis 'Fortschritt' als 'Integration'. So kamen auch die Stilistiken der eher klassischen Musik (Kontrapunkt, Polyrhythmik, Polyphonie) in diese Musik. Als die grossen Integratoren der Klassik sehe ich ELP, Yes und die Brass-Section wie Chicago oder Blood, Sweat & Tears. KC war dagegen eher in die Avantgarde orientiert, zumindestens ab Ende der 70er. Mahavishnu, Chick Corea oder Billy Cobham sprachen eher dem Jazz zu. Aber ich meine auch, dass daraus die Farbigkeit entstand, die ich in vielen aktuellen Produktionen vermisse. Und mit dem Thema Selbstironie trifft Du auch einen wichtigen Punkt; man muss sich wohl heute selbst sehr ernst nehmen, um ernst genommen zu werden.

Vielleicht ist der Richtungsbegriff Progressive Rock für die heutigen Band wie DT oder LTE auch nicht mehr passend. Spock's Beard dagegen passen in die konventionelle ProgRock-Definition sehr gut hinein. Also wäre es vielleicht Zeit für ein neues Genre. TechRock? HyperRock? :-))


Re: Abdriften ins fylosofysche

: Der Begriff 'Progressive Rock' stammt ja auch aus den 70er Jahren, und meinte damals die Integration von Klassik, Jazz und Rock in eine gemeinsame Richtung, daher in meinem Verständnis 'Fortschritt' als 'Integration'.
-schnipp-
Aber ich meine auch, dass daraus die Farbigkeit entstand, die ich in vielen aktuellen Produktionen vermisse.

Ich denke auch, es wird auch jetzt noch gerade da interessant, wo sich verschiedene Stilrichtungen treffen, und daraus etwas neues entsteht. Beispiele: Rap & Hard Rock: Rage Against The Machine; Reggae, Hiphop & Pop: Massive Attack etc.
Brian Eno hat über das Phänomen mal einen Artikel geschrieben. Er bezeichnet unser Denken als "Axis Thinking": Denken entlang von Achsen.
Z.B. kann man Haarschnitte entlang verschiedener Achsen anordnen: "lang - kurz", "maskulin - feminin" etc. Meinen Haarschnitt würde ich z.B. auf der lang-kurz-Achse ziemlich weit auf der kurzen Seite anordnen, ebenso eher Richtung maskulin als feminin. Auf diese Weise erhält man also eine Art Koordinatensystem, mit dem man den Raum beschreiben kann, in dem sich unsere Frisuren gewöhnlich bewegen. Jede Frisur stellt sozusagen einen Punkt in diesem Raum dar. Interessant wird es auch hier, wenn man neue Achsen einführt, wie es z.B. im Punk geschah: "sauber geschnitten - hacked by a brainless cretin (Formulierung von Mr. Eno)". Vorher wäre wohl niemand auf die Idee gekommen, einen Haarschnitt entlang dieser Achse zu variieren. Inzwischen ist das alltäglich. Damals wurden mit der neuen Achse neue Räume eröffnet, in denen neue Haarschnitte möglich wurden. So etwas ähnliches geschieht, wenn man verschiedene Musikstile miteinander kombiniert. Dadurch werden wieder neue Achsen eröffnet, an die vorher niemand gedacht hat, und dadurch entstehen neue Koordinatensysteme mit vorher nicht zugänglichen Möglichkeiten.

: Also wäre es vielleicht Zeit für ein neues Genre. TechRock? HyperRock? :-))

Gab's da nicht auch mal den Begriff des "Art Rock"? - Obwohl, der ist ja noch schlimmer, als ob anderer Rock nicht zur Kunst zählen würde. Naja, ist ja auch Hottentottenmusik...

Johannes

fylosofisch Abdriften in Abgruende?

was ich mich immer frage, ist, ob unsere Kinder noch die Chance haben werden, progressiv zu musizieren?
Dieser ganze Crossover Gedanke konnte ja nur zustande kommen, weil wir vorher ein paar hundert Jahre von eitlen Waechtern auf saubere Trennung getunt wurden. Nur so kann uns Crossover spass machen - es ist wie alle sagen - das neue vermischen... Nur - wie lange koennen wir noch mischen? wenn Klassik mit Punk und Gregorianik und Jazz und so weiter vermischt ist, wo sind wir dann? Zum Glueck muessen wir uns nicht irgendwelchen Rassisten stellen, denn man kann weiter Jazz spielen, auch wenn es Jazz-Rock gibt. Natuerlich wird der Prozess nicht voellig zum Stillstand kommen - aber wird es nicht irgendwann oede, und alle versuchen Hals ueber Kopf irgendwas zu mischen, was noch nicht war?

nicht wirklich wichtich... aber wenns spaet wird vor dem Schirm...


ein Gruss aus Yorkshire(nur einer, die Yorkshiremen sind die Schotten englands!)
ullli

Re: (Meinung) Noch mal zu DT, LTE, KC, GG, SB und überhaupt ...

: Also Bernd, so ganz kann ich Dich mit dem Thema nun doch nicht alleinlassen

Zumal ich keine Ahnung davon habe

:
: Und das ist IMHO eben das, was den Progressive Rock ausmacht: die Freiheit und Möglichkeit, alle Stilistiken und Stimmungen integrieren zu können,

Nach dieser Definition wäre ich ja doch ein Prog-Rocker!!!

Bisher habe ich gedacht, Prog Rock wäre, wenn man seinem Publikum mal so richtig zeigt, was man auf der Pfanne hat: Abgedrehte Songstrukturen, ungerade Takte, Taktwechsel etc :-))

Im Ernst - ich fand (ob Prog Rock, Jazz oder sonstwas) Rock immer dann gut, wenn die jeweiligen Musiker Elemente aus anderen Stilrichtigungen aufgenommen haben. Nur so ist der Rock überhaupt entstanden, und so hat er sich weiterentwickelt.

Wenn man nur immer das gleiche spielt ohne sich Inspiration von außen zu holen, dann ist das musikalischer Inzest.

Gruß
Bernd



Re: fylosofisch Abdriften in Abgruende?

: Nur - wie lange koennen wir noch mischen? wenn Klassik mit Punk und Gregorianik und Jazz und so weiter vermischt ist, wo sind wir dann?

Da habe ich keine Bedenken, es gibt ja immer wieder neue Musikrichtungen (Hiphop, Techno, Drum'n'Bass, you name it...). Da wird es auch immer was zu mischen geben. Und die Puristen werden auch nicht aussterben, die sich dann darüber aufregen werden. Nach der Jazzpolizei dann die Technopolizei :-)

Johannes