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(Gitarre) Martin restaurieren

Tach allerseits

Angefangen hat die Geschichte damit, dass ich kürzlich eine Martin 000-28 Auditorium geschenkt bekommmen hab. Dem Aussehen nach musste sie mindestens 120 Jahre alt sein, der Lack krakelig oder gleich komplet runtergespielt, die Saitenlage da mit 010 Mädchensaiten bespannt nicht abklärbar, der Gesamteindruck .... na ja...

Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul, oder zumindest wartet man bis der Schenkende um die Ecke gebogen ist. Kurzer Blick in die Site von Martin, SerienNr eingegeben, und dann als Resultat Baujahr 1990. Seltsam?! Nur 10 Jahre?!

Also ab damit zum befreundeten Gitarrenbauer und dann das ernüchternde Urteil. Die Gitarre war mal hochglanzlackiert (wie praktisch alle Martins), der Lack wurde jedoch reichlich laienhaft mit Benzinlauge runtergeholt worunter z.t. das Binding aber zum Glück keine Leimfugen gelitten haben. Anschliessend mindestens so Laienhaft mit Schellack wieder "eingeschmiert". Wähhk...!!!

Bevor sich jetzt die gesamte community hier über den "Schwachkopf" aufregt der das ganze verbrochen hat; der Mensch macht seit über 20 Jahren professionel Musik, hat regelmässige und gut besuchte Tourneen und rund 10 CD's auf dem schweizer Markt, die sich ganz leidlich verkaufen. Das soll kein Freibrief für das Verhunzen von Gitarren sein, aber man muss ihm zugestehen, dass er als arbeitender Musiker mit seinen Klampfen machen darf war er für richtig hält. Ausserdem ist ein sehr netter Zeitgenosse.

Zusammen mit dem Gitarrenbauer haben wir dann die folgende Vorgehensweise beschlossen, d.h. eigentlich hat er beschlossen und ich hab artig und dankbar genickt.

Erstens abschleifen, zweitens ausbessern, drittens mit Hartöl versiegeln. Das ganze schreibt sich so locker, sollte mich allerdings in der Folge die letzten drei Wochen beschäftigen.

Abschleifen:
Erstmal alles abschrauben was nicht drangehört, Mechaniken, Gurtknöpfe etc. Anschliessend IN HOLZFASERRICHTUNG zuerst mit 120'er, dann immer feiner bis und mit 600'er den ganzen Siff runterholen. Vorsicht bei der Fichtendecke, beim Schleifen öffnet man die Zellstruktur, daher nicht zuviel Druck sonst verliert das Holz an Substanz. Für schwer zugänglich Orte wie Hals/Korpus-übergang empfiehlt sich ein Trick: Schmale Streifen Schleifpapier zwischen Holz und Daumen einklemmen und dann unter dem Daumen durchziehen. Man vermeidet dadurch Schleifspuren und kommt auch in die Ecken rein. Oder ganz kleine Schleifblöcke aus Plexiglas, z.b. für die Kante beim Steg/Korpus-übergang.

Wenn die ersten groben Schichten runter sind sieht man auch die Stellen besser die auszubessern sind. Bei mir waren das div. kleinere bis mittlere Löcher die von verschiedenen Gurtpinpositionen stammten. Die Löcher hab ich vorsichtig aufgebohrt und mit einem passenden Dübel verschlossen, anschliessend sauber verschliffen.
Die Sattelkerben waren zu tief. Den Sattel mit einem sauberen Hammerschlag rausgenommen, ein Stückchen Furnier drunter und wieder eingesetzt. Ein zwei Tropfen Weissleim reichen vollkommen, auf KEINEN FALL Zweikomponenten oder Sekundenkleber.
Die Bundierung war noch ok, sie wurde nur wo nötig ein bisschen angeschliffen und poliert.

Zum Schluss nochmal mit Wasser anfeuchten (ich sagte ANFEUCHTEN, nicht ERTRÄNKEN) und trocknen lassen. Einzelne verbliebene Holfzfasern stellen sich dabei auf und lassen sich nun mit Stahlwollen abschleifen. Wenn man anschliessend das Holz mit Reinbenzin abreibt, sieht man beim Abtrocken die letzten Schleifspuren. Auch die lassen sich noch entfernen. Merke; alles was jetzt noch Zutage kommt sieht man auch beim fertig lackierten resp. geölten Objekt.

Eine Superfeine Oberfläche bekommt das ganze wenn man zum Abschluss anstatt Schleifpapier oder Stahlwolle eine Abziehklinge nimmt. Braucht allerdings eine gewisse Übung und eine nagelneue Klinge. Verkannten ist hier absolut verboten. Sehr gut eignet sich ein Klinge für die Übergänge zum Binding, das anschliessend wie neu aussieht

Resultat: eine arschglatte Holzoberfläche die nur darauf wartet das wir sie ......

Ölen:
Ich hab mich für Hartöl entschieden, Schellack ist was für Wahnsinnige (braucht tierisch Übung) und lackieren geht nur mit Spritzkabine und reichlich Fachwissen.

Die Oberfläche sollte absolut sauber und fettfrei sein, daher zuerst das Ganze mit Reinbenzin abwaschen. Das Öl das ich benutzt habe, ist irgend ein sehr harzhaltiges Zeugs dass mein Kumpel aus den Staaten importiert, falls Interesse besteht kann ich mich bei Ihm erkundigen wie es heisst. Es trocknet sehr schnell aus, d.h ich hab immer nur sehr kleine Bereiche mit einem FUSELFREIEN Lappen eingerieben und gleich anschliessend mit einem zweiten trockenen Lappen das Überschüssige wieder entfernt. Die ersten zwei Schichten hab ich jedesmal nach dem Trocknen mit feinster Stahlwatte (0000) und OHNE DRUCK wieder abgeschliffen.

In einem Fachbuch vom amerikanischen Gitarrenbauerverband (oder so) wurde beschrieben wie man bis zu 30 Schichten von dem Zeug aufträgt, zwei pro Tag. Ich habs bei 10 Schichten belassen, eine pro Tag, ich geh schliesslich noch arbeiten.
Der Trick war die richtige Menge Öl pro Arbeitsgang zu erwischen. Zu wenig und es trägt nicht, zuviel und es klebt für die nächsten drei Monate und bekommt glänzende und matte Stellen gleichzeitig.

Irgendwann kommt der Augenblick wo man fertig ist. Resultat ist eine deckende Seidenmattglänzende Oberfläche, ein bisschen wie Schelllack.
Poliert hab ich mit Muskelschmalz und einem Schotischen Wollsocken. Die unbehandelte Wolle von diesen Socken soll sich günstig auf das Hartöl auswirken (kein Witz). Wichtig ist der richtige Zeitpunkt, die Oberfläche sollte trocken sein aber auch noch nicht völlig ausgehärtet. Wenn man zu früh anfängt ribbelt man die Oberfläche wieder auf, zu spät holt man sich Muskelkater ohne wirkliches Resultat.

Jetzt war der Zeitpunkt für Sattelabrichten, den ich ja mit Furnier unterlegt habe, ausserdem wollte ich 012 aufziehen. Als Anhaltspunkt nehm ich für diesen Job einen dünnen flexiblen Malerspachtel aus Blech. Den leg ich auf den Hals und schieb ihn bis direkt an den Sattel. Einerseits schleif und säge ich nicht aus versehen ins Griffbrett, zweitens gibt der mir die ideale Tiefe der Sattelkerben an, nämlich Bundhöhe plus einen halben mm (die Dicke des Spachtel).
Als Gurtpins habe ich mich für Schaller Straplocks entschieden, die hab ich überall drauf.
Ich finde jede Gitarre verdient ihren eigene Gurt, in diesem Fall einer von Levin in Schlangenlederimitation; wenn schon Cowboy-Gitarre dann auch richtig :-)

Tja und wie klingts? Nicht so voluminös wie erwartet, ist halt doch keine Dreadnaught. Sehr schön ist die Balance der einzelnen Saiten. Ausserdem ist sie sehr leicht und dadurch zusammen mit dem eingebauten Pickup eine prima live Gitarre. Die 000-28 ist im Grunde dieses Clapton Sondermodell, nur halt ohne Clapton.

Ok, ich glaub soviel hab ich das ganze letzte Jahr nicht geschrieben. Ich hoffe es ein bisschen Spass gemacht.

Gruss, Manuel

zwei kleine Ergänzungen

: Tach allerseits

Hiho!

Erstmal vielen Dank für die interessante Darstellung der Renovierung. Meistens habe ich wohlwollend genickt oder sogar was gelernt - nur zweimal musste ich zucken.

Alles nur meine Erfahrungen und Ohren!

1.
: Die Sattelkerben waren zu tief. Den Sattel mit einem sauberen Hammerschlag rausgenommen, ein Stückchen Furnier drunter und wieder eingesetzt.

Das wird gängigerweise gemacht und ich habe das auch schon praktiziert. Der Unterschied zwischen Sattel mit Furnier und ohne Furnier ist allerdings dramatisch hörbar und das nicht nur bei offen schwingenden Saiten. Holz schwingt in Faserrichtung, das Furnier bremst die Übertragung der Schwingungen vom Sattel auf den Hals.

2.
: Als Gurtpins habe ich mich für Schaller Straplocks entschieden, die hab ich überall drauf.

Bei akustischen Gitarren sind die Strapse nicht unbedingt optimal, da deren Klappergeräusche gerne mal von Piezos übertragen werden und das kann nerven.

Wie gesagt, Erbsenzählerei, der Bericht war schon beeindruckend!

Matthias


recht hat er

: Wie gesagt, Erbsenzählerei, der Bericht war schon beeindruckend!

: Matthias

Tach Matthias

Keine Erbsenzählerei sondern berechtigte Einwände.

Das mit dem Furnier hab ich von einem Gitarrenbauer, war aber auch skeptisch obwohl ich es vorher noch nie ausprobiert hab. Ich hab mich statt für Holzfurnier schlussendlich für einen Streifen Knochen entschieden den ich noch von einer vergammelten und ausgeweideten Nylon-String hatte. Den hab ich mit Sekundenkleber an den Original Sattel geklebt. Vielleicht setz ich beim nächsten Saitenwechsel aber auch gleich einen neuen ein. Ich war einfach zu faul dafür und wollte endlich hören wie das Teil klingt.

Ich hab mal in einem US-Gitarrenheft von einem gelesen der seine Sättel inwändig mit dem Zaharzborer aushöhlt. Es soll den Sound "luftiger" machen. Na ja, wie auch immer :-)

Auch das Klappern der Straplocks ist in der Tat ein Problem. Mich nerven die Geräusche z.t. schon unverstärkt. Da gibts nur eins; sobald keine Zug auf dem Gurt ist, z.b. im Sitzen, oder für Aufnahmen kommt er eben runter.

Ach ja, den PU konnte ich sowieso noch nicht ausproblieren. Der Typ dem sie gehörte sucht immer noch die sechsadrigen Spezialkabel die zum System gehören

Beisewäih, bist Du nicht der Mensch mit dem ich mal einen Disput über die Anzahl Saitenwicklungen auf den Mechaniken hatte. Muss noch im Grünen gewesen sein, kurz vor dem dramatischen Kurswechsel und dem Einzug des schreddenden Kindergartens mit den lustigen Nicknames. :-)

Gruss Manuel

Re: (Gitarre) Martin restaurieren

Tach Manuel,

ein klasse Report - geradezu anstachelnd und Neid erweckend: Neid eher auf die tolle Beschäftigung als das Objekt ansich :-))
Ich gratuliere Dir!
Sättel hab ich auch schon gekerbt (einen Graffit/Kunststoff-Mix und zwei aus Knochen). Sicher werd ich mir für die nächsten einen Satz Feilen zulegen. Meine Produkte sind in Saitenabstand und Höhe zwar gelungen, aber die Form der Saitenauflage für die 1e und 2h nicht ganz optimal - leer klingen die Saiten ein wenig komprimiert, der normale Attack lässt zu wünschen übrig. Na ja, beim nächsten Mal... :-)
Ansonsten liegt in meiner "Werkstatt" nix Grosses an - nur einen Ahornhals wachsen...
Axo - vielleicht ist fürs Schwingungsverhalten am Sattel ein Material gut, dass möglichst hart ist. Ich hab einen Sattel ein wenig angehoben mit einem Streifen aus einem Plectrum. Für meine Ohren keine Klangliche Einbusse.

Gruss
Micha

long time passing

Hi!

: Beisewäih, bist Du nicht der Mensch mit dem ich mal einen Disput über die Anzahl Saitenwicklungen auf den Mechaniken hatte. Muss noch im Grünen gewesen sein, kurz vor dem dramatischen Kurswechsel und dem Einzug des schreddenden Kindergartens mit den lustigen Nicknames. :-)

Das kann sein, bei Saitenwicklungen auf den Mechaniken habe ich tatsächlich eine nicht mehrheitsfähige Meinung...

Aber zu Zeiten des funktionsfähigen Grünen postete ich da noch mit einem lustigen Nickname...

knock on wood

Matthias

Re: long time passing

hihi, ich reisse doch auch gerne alte WUnden auf - als Toni musste ich ja schon manches mal dem Herren Schredder die Saiten aufziehen (gegen extra Rechnung latuernich, grins) und als dritte Hand im Musikladen haben mir einige Kunden die absurdesten Verhaltensweisen praesentiert - ich habe immer so wenig wie moeglich aber soviele wie noetig drauf, noetig, weil die Kopfplatte manchmal nicht per se genug Winkel hergibt, da muss man dann "nach unten" wickeln...

Na, denn mal her damit - wie haelt es der Matthias???

gut Ton!
ullli