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(Sich aufschneiden lassen) Schmerzen, Karpaltunnel und der lange Weg zur schnellen Lösung

Liebe Gemeinde und liebe Nachwelt,

vor rund fünfzehn Jahren bekam ich Schulterschmerzen. Meist beim berufsbedingten Sitzen am Rechner. Das schob ich auf die Tischhöhe und damit habe ich experimentiert. Keine Lösung. Die Schmerzen kamen auch bei längeren Autofahrten. Ich habe 'ne ziemliche fiese Skoliose, die meine ziemlich coole Osteopathin mit ziemlich krass bezeichnet. Meine Körperteile sind nämlich nicht, wie sonst weit verbreitet, links-rechts-links-rechts verdreht. Sondern komplett nach links. Im Grunde kann ich gar nicht geradeaus laufen. Also schon auf einer Linie, aber dabei schaue ich immer leicht nach links.

Das war aber gar nicht die Ursache der Schulterschmerzen. Aber das habe ich erst vor ein Paar Monaten erfahren.

Vor rund 8 Jahren hatte ich dann eine Periostitis, eine Knochenhautentzündung rechts. Ursache: Viele Klimmzüge, viel Gitarre, viel Klavier, viel Gartenarbeit, viel Tischlern, viel am Rechner tippen.

Und danach wurd's doof. Die rechte Hand schlief nachts ein. Immer häufiger, immer tiefer, immer länger. Die Matratze muss Schuld sein. War sie aber nicht.

Außerdem war dann auch die linke Hand betroffen. Also doch irgendwas Zentrales, an der Wirbelsäule? 500 Euro fürs MRT verbraten und hinterher sagt der Arzt, der fest überzeugt war, es sei die Wirbelsäule: "Nee, kann ja auch gar nicht. Das ist eine muskuläre Dysbalance!" War es nicht.

Ein Orthopäde mit einem Neurlogen meinten dann, das wäre ein Karpaltunnelsyndrom*, das müsse man aufschneiden und das Karpalband oder Retrinakulum durchtrennen. Ich bin bei der begeisterten Schneiderei der westlichen Schulmedizin ja skeptisch. Das sehe ich wie bei einem Elektrogerät: Wer das Siegel bricht, verwirkt die Garantie. Dann ist Sense mit den Selbstheilungskräften. Außerdem hat das Karpalband doch einen Sinn, sonst wäre es nicht dort, oder?

*Karpaltunnelsyndrom in ungenauer Kürze: Die Fingerbeuger, bzw deren Sehnen laufen vom Unterarm in die Finger ungefähr aim Bereich der Handwurzelknochen, also jenseits des Handgelenks, laufen sie durch eine Art Tunnel. Der ist zur Handfläche hin abgeschlossen durch besagtes Karpalband. Auch der Nervus medianus läuft dort hindurch. Dieser Nerv versorgt Daumen, Zeigefinger, Mittelfinger und den halben Ringfinger. Der kann durch die Sehnen eingequetschet werden, was zu den genannten Missempfindungen führen kann.

"Keine Ahnung!" meinte der Orthopäde, der solche OPs früher auch mal durchgeführt hat. Man kann sich vorstellen, dass meine Begeisterung von so einer OP sich dadurch nicht erhöht.

Also alle Alternativen angeschaut, PubMed bemüht, Physiotherapeuten, Osteopathen** und jede Mutter befragt und alles ausprobiert, was schonmal Erfolg hatte. Da gibt es eine Menge. Aber bei mir war es schon zu weit fortgeschritten. Mittlerweile wurden die Hände nachts so taub, dass sie schon wieder schmerzten. Nicht immer. Nur, wenn am Tag so anspruchsvolle Tätigkeiten wie 100m Fahrradfahren oder Akkuschrauber-halten anlagen, war nachts die Hölle los. Oder schwimmen. Oder, tatsächlich, auch mal gar nichts.

** Wer die Knochen verdreht hat, geht zum Osteopathen. Und wer die Psyche verdreht hat, geht zum Psychopathen, oder was? Osteotherapeut sollte das heißen.

Ein Großteil meiner Freizeitgestaltung hat sich mittlerweile aufgelöst und ich schaue mir nochmal diese OP-Optionen an. Also traditionell aufschneiden etc, Narkose und Trallala, dann 8 Wochen die Hände nicht belasten, kommt nicht in die Tüte. Allein das Narkosegift kann den Körper ja noch lange beschäftigen.

Ich kürze das hier ab: Es gibt neben den minimalinvasiven Methoden ("Schlüsselloch-OP"), die ein höheres Risiko und eine geringere Erfolgschance haben, auch u.a. noch die WALANT-Methode: Wide Awake, Local Anesthesia, No Turniquet.

Und, viel wichtiger, einen total geilen Chirurgen, der das auch durchführt in Deutschland. Ich habe den per Empfehlung durch eine ziemlich coole Allgemeinmedizinerin gefunden, in Osnabrück. Der macht das 500 mal im Jahr. Mein Mann. Aber das Karpalband, ist das nicht wichtig? "Offenbar nicht. Keine Funktionale Einschränkung."

Machen. Für mich als Patient war das ein Spaziergang, das schlimmste war die Spritze, das zweitschlimmste die Betäubung (mag ich gar nicht).

Rechte Hand: An einem Montagmorgen operiert, am nächsten Tag den Verband entfernt, 12 Tage später werden die Fäden gezogen. Zähneputzen mit links ist anspruchsvoll, Hose anziehen ohne rechte Hand auch spannend (die Frau freut sich). Eine Woche nach der OP ist die Hand bereits leicht belastbar und ich kann sie zum Essen gebrauchen. Nach dem Entfernen der Fäden stehe ich schon wieder im Gym am 200-kg-Schlitten. Ziehen geht. Schieben (Liegestütz, aufstützen etc) war bis zwei Monate danach noch schmerzhaft bis unangenehm.

Linke Hand: Haltet euch fest, setzt euch hin - Montag operiert, Dienstag alle Finger voll beweglich, Mittwoch (Heiligabend) belastbar und mühelos nutzbar zum Hoseanziehen (die Frau ist traurig) und Essen. Donnerstag und Freitag vergesse ich, dass ich operiert wurde und stütze mich versehentlich auf die Hand. Sonntag hänge ich an einer Klimmzugstange. Natürlich bin ich brav und mache erst Klimmzüge, als die Fäden raus sind.

Die linke Hand wurde zwei Monate nach der rechten operiert, ist jedoch in der Heilung nur etwa eine Woche hinterher. Der Chirurg hatte angekündigt, dass Links und Rechts stets unterschiedlich verlaufen, aber da Rechts schon schnell ging, verblüfft mich dieses Ergebnis.

Kommentar vom Chirurgen: Auf beiden Seiten konnte man dem Nerv deutlich ansehen, dass er stark eingeklemmt war. Der Test zeigte auch rechts bereits gestörte bzw schlechtere berührungsempfindlichkeit - man gewöhnt sich an viel.

Warum schreibe ich das? Weil ich anderen diese 15-jährige Odysee ersparen möchte. Ich bleibe dabei, dass man alle Alternativen ausschöpfen sollte. Aber mit der Diagnose sollte man nicht warten. Nervenprobleme äußern sich nicht immer am Ort der Ursache.

Es ist auch gut möglich, dass mir der ganze Kasper erspart geblieben wäre, wenn ich viel früher mit dem Krafttraining begonnen hätte. Ein starker Rumpf kann die Stabilität bereitstellen, die solche Probleme in den Extremitäten verhindert. Keine Garantie. Aber starke Muskeln haben noch niemande geschadet und obendrein hält das Training auch den Brägen fit.

Hätte, hätte, Fahrradkette: Ich spiele nicht mehr Gitarre und auch das Klavier habe ich nicht mehr. Habe ich aufgegeben, weil es nicht mehr wichtig war, auch weil immer diese Schmerzen mit im Spiel waren.

Ich hoffe, damit kann/konnte ich dem einen oder anderen helfen. Ich will nicht zu offensiv werben. Aber die OP habe ich selbst bezahlt und daher fühle ich mich wohl dabei wenn ich sage: Das hat Dr. L. G. von der Chirurgischen Praxis für Ambulante Operationen in Osnabrück gezaubert. Der hat, so wirkt es auf mich, an jeder operierten Hand noch immer großes Interesse, Spaß geradezu, und fragt explizit nach dem Verlauf etc. Einer von den Guten.

Herzliche Grüße
Felix


Re: (Sich aufschneiden lassen) Schmerzen, Karpaltunnel und der lange Weg zur schnellen Lösung

Hallo Felix,

richtig toll, dass dein Problem nach so langer Zeit dann doch noch gelöst wurde! Und auch gut, dass du so beharrlich warst. 

Ich wünsch dir weiterhin einen guten (Heilungs)verlauf.

Eine Frage habe ich noch: die zu Beginn erwähnten Schulterschmerzen wurden letztendlich durch das Karpaltunnelsyndrom ausgelöst?

Beste Grüße John


Re: (Sich aufschneiden lassen) Schmerzen, Karpaltunnel und der lange Weg zur schnellen Lösung

Hallo John,

: Eine Frage habe ich noch: die zu Beginn erwähnten Schulterschmerzen wurden letztendlich durch das Karpaltunnelsyndrom ausgelöst?

Genau. So ist das häufig bei solchen Nervengeschichten: Eingeklemmt an Ort A, Beschwerden an Ort B oder K. Mein Chirurg hatte darüber auch ein klein wenig aus dem Nähkästchen geplaudert - das ist wohl üblich für ihn. Auch deswegen macht er diese OPs gerne, weil die Patienten in der Regel sehr dankbar sind.

Es kann stark in die Irre führen. Zum Beispiel war ich lange Zeit überzeugt, dass der Nerv eher im Unterarm eingeklemmt wird, weil speziell dort der Muskeltonus sehr hoch war und Beschwerden sich primär dort zeigten, Rotation des Unterarms etc.

Maßnahmen, die ich vergessen hatte: Akupunktur, Elektroakupunktur, Plexusanästhesie. Hilft bestimmt in Einzelfällen.

Und entschuldigt das Dutzend Tippfehler. Als ich das geschrieben habe, war nicht mein Tag.

Liebe Grüße!
Felix


Re: (Sich aufschneiden lassen) Schmerzen, Karpaltunnel und der lange Weg zur schnellen Lösung

Moin Felix,

danke erst einmal, dass Du Dir die Mühe gemacht hast, das alles hier aufzuschreiben. Da sind Überlegungen zu lesen, die sicher jemand anderem helfen können, das ist Gold wert.

Ein ganz wichtiger Punkt neben der Beschreibung der OP-Methode, die Dir letztlich geholfen hat ist die Erwähnung von Krafttraining. Als jemand, der sein Arbeitsleben weitgehend am Schreibtisch zugebracht hat und seit Januar in Ruhestand ist weiß ich, dass vor allem Krafttraining auf der Agenda der kommenden Zeit steht. Sonst fällt die Bude nämlich ziemlich schnell auseinander.

Deine Beschreibung spiegelt noch einen weiteren Punkt, den ich für sehr wichtig halte, der aber sauschwierig ist: durchhalten, weiter recherchieren und kümmern.

Du hast nicht aufgegeben, bis Dir endlich jemand helfen konnte. Das ist das Wichtigste: nicht frustrieren lassen, zumindest nicht für lange. 

Ich freue mich für Dich, dass es Dir besser geht und wünsche Dir ein grandioses 2026.

Viele Grüße,
Michael