Re: Weia! war: (Philosophie) Profimusiker?


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Beitrag von Olkmar vom Oktober 28. 2003 um 14:26:00:

Als Antwort zu: Weia! war: (Philosophie) Profimusiker? geschrieben von Woody am Oktober 28. 2003 um 13:24:49:

Hi Woody!

>allerdings bin ich a mancher Stelle mit Deinem Standpunkt nicht Deckungsgleich.

Wenn Andere so dächten wie ich, was sollte ich dann noch schreiben?

>Du stellst Die These auf, Musik sei ein Faktor sozialer Indentifikation bzw. Abgrenzung, und verwirfst damit den Geschmacksgedanken.

Ich habe das nicht generalisiert, sondern nur behauptet, daß in vielen Fällen "Geschmack" nichts Individuelles ist, wiewohl man es so darstellt. Nehmen wir ein extremes Beispiel: Kann ein Jugendlicher, der gerade die Schule gewechselt hat, und nach sozialer Integration strebt, sich leisten innerhalb der Clique auf Hiphop zu schimpfen und für Latin-Jazz zu missionieren?

>Ich würde das aber auch mal von der anderen Seite aus betrachten, ich denke, daß das soziale Umfld in wesentlichem Maße ja auch die musikalische Sozialisation und die Hörgewohnheiten beeinflusst.

Da sehe ich keinen Widerspruch zu dem, was ich sagte.

>Wenn in meinem Umfeld ausschließlich WDR4 läuft, woher sollte ich Monteverdi, Reger, Fred Frith oder Korn kennen?

Ist schwierig, aber nicht unmöglich. (Wenn ich jetzt fies wäre, würde ich sagen: wieso fragen Menschen nach einem Leben nach dem Tod, wenn sie doch nur dieses hier kennen!). Neugier ist eine Zentrale Eigenschaft des Menschen, man kann ihr folgen oder auch nicht. In deiner Apotheke hängt vielleicht ein Werbeplakat für eine Aufführung des Weihnachtsoratoriums, wer im CD-Laden die Flippers kauft, sieht, daß es auch noch anderes gibt, und möglicherweise hat Dein Dreikäsehoch am Radio den Sender verstellt...

Außerdem könnte man auf ein WDR4-verseuchtes Umfeld (gerade dann!) ebensogut mit Abneigung und Distanzierung reagieren, es liegt an jedem Einzelnen selbst...

Ich halte ein geistig kulturelles "Nomadentum" in der Art, daß man vertrockneten Boden verlässt, um fruchtbaren zu suchen, gar nicht für verkehrt.

>Dann erkennst Du als Komposition nur neues, progressives an.

Nein, wie kommst du darauf? Ich habe lediglich gesagt, daß ich die Repetition überkommener Schemata nicht als Komposition anerkenne, daß heißt aber nicht, daß ich historische Verdienste vergangener Größen herabwürdigen will. Ich habe im Gegenteil erwähnt, daß für mich die Kenntnisnahme der musikalischen Traditionen unbedingt Bestandteil des Lernweges sein sollte.

>Wenn Du z.B. an Bach denkst, dann hat der (großformal) ziemmlich nach Schema "F" geschrieben.

Nein, eben genau der nicht! Es reicht, sich eine leichte Sammlung wie z.B. die Inventionen anzusehen, um festzustellen, daß keine dieser 15 einfach nur eine Invention ist, sondern nebenher gleichzeitig andere formale Prinzipien verwirklicht wurden, man findet z.B. darunter Kanon, Fuge, usw.

Sein Spätwerk (Kunst der Fuge, Goldberg-Variationen, etc.) ist bekannt dafür, daß es ihm hier sogar gelang, Prinzipien zu integrieren, die bislang als unvereinbar galten.

> Klar hat er harmonisch und inhaltlich die zu seiner Zeit bekannten Formen bis aufs äußerste ausgereitzt, aber er war zu seiner Zeit schon ein Faktotum.
Tut das der heutigen Wertschätzung (auch der Musikwissenschaftlichen) einen Abbruch?

(Lassen wir die Musikwissenschaft mal außen vor, die ist nämlich über weite Strecken nichts anderes als eine Art Musikjournalismus bezogen auf Vergangenes!)

Ich habe nie gesagt, daß ich Bach nicht schätze und würde es auch nie sagen (und hätte auch sonst Hofstaedter gewiss nicht erwähnt!). Bach war unter allen "Vielschreibern" sicher derjenige, dem es am besten gelang, dennoch weitgehend konstant ein sehr hohes Niveau zu halten und bildet sicher auch heute noch eine vorzügliche Messlatte für kreative Denkprozesse. Es stört mich im Gegenteil, daß solche Denkweisen heute eher selten geworden sind, womit ich meine: der Mehrzahl heutiger Musik fehlt es an Architektur.

>Ausserdem formulierst Du einen Anspruch, dem der Otto Normalhörer nicht gewachsen ist. (btw, möchtest Du permanent Avantgarde hören? Ich nicht)

Möchte ich nicht, tue ich nicht, aber ich stelle auch nicht diesen Anspruch! Ich habe in meinem Posting lediglich eine bestehende Problematik beschrieben, es liegt mir fern, Patentrezepte dagegen verkaufen zu wollen. Was mir allerdings übel aufstößt, ist, daß in dieser Hinsicht offensichtlich nicht mal mehr die Politik der kleinen Schritte funktioniert. Im Zeitalter der Medienüberflutung kann man dem Konsumenten erfolgreich einreden, daß er völlig in der Hand habe, was er denn hören will, somit werden die tolerierten Abweichungen gegenüber seiner Konditionierung (die er natürlich nicht als solche erkennt, weil die MI ihn in den Träumen eines "Qualitätsbewusstseins" wiegt!) immer kleiner und es somit immer leichter, ihn mit Clones einer kreativen Leistung, auf der schon Pilze wachsen, zu füttern.

>In Deinem Fall würde ich die von der Musikwissenschaft in Deutschland getroffene Unterscheidung in "Unterhaltungsmusik" und "Ernste Musik" (Grauen über Grauen), die ich eigentlich scheußlich finde, vielleicht doch definieren wollen und zwar in "Avantgarde" und "Gebrauchsmusik".

Abgesehen davon, daß wir jetzt doch leider bei einem typisch deutschen Phänomen gelandet sind: Es gibt zu viel, was weder dem Einen noch dem Anderen eindeutig zuzuordnen ist.

>Avantgarde, die jenseits des Profitstrebens Stilübergreifend die Grenzen des Machbaren, des Zumutbaren auszuloten und zu verschieben versucht(Da wären wir aber dann schnell bei der Diskussion "Was ist Kunst"..), und Gebrauchsmusik, die das eben nicht versucht.

Sorry, aber dem kann ich mich nicht anschließen! Ich werde mich nicht einem mehrheitlichen Denken anschließen, welches Musik nach ihrer "Brauchbarkeit" (typisches Beispiel: Tanzbarkeit!) bewertet und betreffs des verbleibenden Restes über "Zumutbarkeit" reflektiert.

Nicht jede Musik, die sich einem "Gebrauch" (wozu auch immer, in manchen Fällen bin ich eher geneigt, von "Missbrauch" zu reden!) verschließt, ist deswegen automatisch Avantgarde, andererseits kann auch Gebrauchsmusik mitunter recht avantgardistisch sein (ohne deswegen bei Normalos übel aufzufallen, Beispiel: Filmmusik!).

Abschließend: Ich hab's befürchtet, deshalb die Bitte an alle Anderen, die vielleicht noch rehen wollen: lest bitte genau und interpretiert nichts rein, was ich gar nicht geschrieben habe! (Bitte nimm's nicht persönlich!)

cu,

Olkmar


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