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Beitrag von Michael vom Juli 15. 2002 um 22:33:34:
Als Antwort zu: Re: Widerspruch !!!! (etwas länger, und jetzt richtig) geschrieben von Rainer am Juli 15. 2002 um 12:49:34:
Hallo Rainer,
also: auf ein Neues !!!!
Mir fällt auf, dass du dich bei deiner Kritik an der jüngeren Generation doch sehr bei belanglosen Äusserlichkeiten aufhältst: "Handies am Ohr..", "und trägt ihre Arsch-Hänge-Hosen spazieren...", "Handies und Gameboys...", "Neue Handygeneration mit Farbdisplay und MP3-Player...." Ist doch ok, dass es das Zeug jetzt gibt (hätte ich damals auch mit Handkuss genommen, du doch wohl auch :-)).
Nur, und das ist jetzt sehr wichtig, gab es dieses Zeugs - wir dürfen da auch nicht PCs, Internet, etc. vergessen - noch nicht. Hätte uns damals (sagen wir mal 1972/73) jemand vorausgesagt, dass wir 30 Jahre später diese Kommunikationsmöglichkeiten zur Verfügung hätten, dann wäre das von uns als Science-Fiction (oder als: der hat wohl ein paar zu viel eingeworfen...) abgetan worden.
Dieser Wandel in den Gesellschaften von der Industriegesellschaft zur Kommunikationsgesellschaft; die dadurch erst möglich gemachte wirtschaftliche Globalisierung; das Zusammenbrechen einer unserer theoretischen Alternativen (Sozialismus); das Zusammenwachsen Europas mit einer gemeinsamer Währung; die drohenden Gefahren aus dem unkontrollierten Wirtschaftswachstum für das globale Klima; die ersten Anzeichen dafür, dass auch die Zeit für einen Wandel im Kapitalismus gekommen ist: das alles hat eine ungeheuere weltweite Dynamik, die für uns damals vollkommen unvorstellbar war.
Wir konnten so richtig betulich vor uns hin demonstrieren; der Feind war klar erkennbar: dazu gehörte z.B. der lokale Miethai, dessen Häuser man besetzten konnte; die Lebensalternativen konnte man weitgehendst ungestört ausleben (ob in alternativen Projekten in den Grosstädten oder in irgendeiner LandWG), aber: letztendlich fand das alles mehr oder weniger in dem Bewusstsein statt, dass sich an unseren äusseren Lebensumständen (politisch, wirtschaftlich) in den nächsten Jahrzehnten nichts weltbewegendes ändern wird und es ausreicht, alles auf ein neues besseres kulturelles Niveau zu hieven (wenn man als Kultur als die, nicht durch Gesetze u.ä. reglementierten Normen definiert, die das Zusammenleben von Menschen erst ermöglicht), was uns aber leider im Rückblick nicht sonderlich gut gelungen ist. Die paar Hardcore-Politgruppen, die es da gab und die für einen neuen Stalinismus usw. kämpften, hatten weniger Einfluss, als sie es im Rückblick gerne hätten. So - mag auch der verklärte Rückblick das in den Augen manch einem meiner Altersgenossen etwas heroischer erscheinen lassen - sah der historische Hintergrund aus, von dem aus wir "aufopfernd kämpften" und "unerschrocken provozierten". Ausserdem wurde uns ja auch heftig Theoriematerial an die Hand gegeben: Marcuse, Adorno usw. für die Hardcorefraktion; Leary und all die anderen Amerikaner wie Kerouac, Ginsburg für die eher den Rauschmitteln Zugeneigten unter uns; kurz: für jede Frage gab's eine (ob in der Praxis funktionierend ist wieder eine ganz andere Sache) Antwort. War ja auch relativ überschaubar die ganze Lage.
Das Problem der heutigen Zeit ist, dass wir im Gegensatz zu unserer Jugendzeit nur eines ganz genau wissen: in spätestens 15 Jahren sieht's wieder komplett anders aus. Wie, und das ist die Crux dabei, kann sich halt keiner vorstellen. Es gibt keine Utopien mehr, denen man nacheifern könnte.
Wer formuliert heute die Alternativen für die oben genannten Probleme ? Wir hatten damals die Vordenker, mit denen wir uns auseinandersetzen konnten. Da sieht es aber im Moment ganz mau aus. Die Vordenker der Anti-Globalisierungskampagne (da ist ja nun wirklich was los - siehe Genua; mit Rheuma nicht zu empfehlen :-))) ) haben da auch so ihre Probleme, das Ganze inhaltlich und begrifflich auf die Reihe zu bekommen. Unserer Generation, die eigentlich das Wissen, die Erfahrung haben sollte, Vordenker zu sein, bleibt bei dieser Veränderungsdynamik, die wir momentan erleben, anscheinend nichts anderes übrig, als mit den Schultern zu zucken und zu den Jungen zusagen: hey, nun macht ihr mal und tragt nicht eure "Arsch-Hänge-Hosen spazieren". Das ist ein bischen wenig. Sätze wie ".. Um eine Abkehr vom Konsum als Gesellschaftsziel, um eine neue Politik, die den Bürger, nicht den Politiker und die Industrie als Kern hat..." klingen zwar schön, sind auch aller Ehre wert, nur: wo ist die Alternative, wie soll es gemacht werden, was soll dann dabei herauskommen und die Antworten hätte ich gern unter Einbeziehung aller oben genannten Probleme (und das sind weiss Gott noch lang nicht alle). Anmerkung: Irgendwie kenne ich diese Sätze aber auch aus uralten Diskussionen nacht um 3 an irgendeinem WG-Tisch in den siebzigern. Das alles haben wir uns doch schon damals bis zum Erbrechen gegenseitig vorgekaut. Wenn man genau drüber nachdenkt, passte das bestimmt auch schon im alten Rom zur Zeit Augustus: ist also so neu nicht und hilft uns in dieser Beliebigkeit weiss Gott nicht dabei, die heutigen Anforderungen zu stemmen.
Mag sein, dass das ein wenig resigniert klingt, ist aber gar nicht so gemeint: weitergehen wird's immer und spannend ist's allemal.
Man könnte da noch ewig und wirklich genussvoll debattieren (und ich hoffe, dass wir das irgendwann mal in echt machen), aber jetzt reicht's erst mal
jetzt mal zur Gitarre greifend
Michael
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