Re: (Philosophie) Seid ihr als Musiker glücklich? Zufrieden?


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Beitrag von ferdi vom Juni 12. 2022 um 11:25:03:

Als Antwort zu: Re: (Philosophie) Seid ihr als Musiker glücklich? Zufrieden? geschrieben von Michael (Jacuzzi) am Juni 12. 2022 um 09:37:15:

Hi,

Dieser "Tiefpunkt" ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Also kein Tiefpunkt, sondern die ganz normale Ebene. Und die Musik, die in nicht-liberalen Gesellschaften mehrheitlich konsumiert wird, willst du gar nicht hören.

Die sog. liberalen Demokratien sind, zugegeben! die fortschrittlichste und auch beliebteste Staats- und Regierungsform. Nordkorea, Afghanistan, Russland gehören zu den Ländern, in die so gut wie niemand auswandern möchte - gleichzeitig kann man mit Blick auf Ungarn und die Türkei durchaus nachempfinden, was Churchill mit seinem Urteil über diese Staatsform sagte.

Die ganz normale Ebene, die "Normalität", von der du da sprichst, erscheint omnipräsent und daher alternativlos. Wenn man sich mit der Geschichte der letzten 2,5 Millionen Jahre beschäftigt, erscheint die Situation von heute jedoch weder unvermeidlich noch unveränderlich. Sozialpsychologe Harald Welzer geht von 10% kritischer Masse aus, die notwendig sind, um gesellschaftliche Entwicklungen anzustoßen, wenn (!) sie sich organisieren können (was weder in Rumänien nach Ceaucesko noch im "arabischen Frühling" der Fall war, sehr wohl aber unter den gut 20000 Bolschewiki [und nicht unter den drei Millionen russischen Adligen, ganz zu schweigen von 280 Millionen Bauern]). 80% der Leute sind, so Welzer, sind Mitläufer. 

Hatte die liberale Demokratie nicht einen qualitativen Höhepunkt, als sie sich ideologisch abgrenzen musste? Boten sich dem geneigten Interessenten anfang des 20. Jahrhunderts nicht drei Ideologien zur Wahl? Schrumpfte deren Anzahl Mitte des 20. Jahrhunderts nicht auf zwei, und ersann man nicht sozialen Wohnungsbau und Bildung für alle und Tariflöhne und Sozialleistungen und Steuersätze, kurz: Regularien, "Eingriffe in den Markt", um die Attraktivität des Sozialismus (dessen größte Schwäche wohl die elend langsame zentrale Datenverarbeitung war) zu schmälern?

Seit 1989 existiert das Konkurrenzmodell nun nicht mehr (wir erinnern uns: "das Ende der Geschichte"), und seitdem ist "der Markt" immer weiter "befreit" worden. Als Nebenprodukt fährt man dann noch eben die Ökosphäre gegen die Wand, aber hey, soviel Freiheit wird ja wohl sein dürfen? Man kann das Verbrennen von Öl ja schließlich nicht verbieten, zumal die Chinesen doch auch ... ? Und überhaupt sind autoritäre Regime seit 20 Jahren in erstaunlichem Maße wieder en vogue. Da ist man platt.


Und in der Musik gibt es jetzt eben Spotify, und alle Musik kostet fast nichts, da haben die Musiker eben Pech gehabt, sie hätten ja auch was Anständiges lernen können, nicht wahr, Börsenfutzi zB., oder einen dieser gutbezahlten Jobs hier:

https://www.youtube.com/watch?v=jHx5rePmz2Y&t=27s

eine Variante von Marschmusik ist.

sowas hier?

https://www.youtube.com/watch?v=zTq4N1D-8xI

"Musik" ist nur EIN Indikator dafür, dass die fortschreitende Marktradikalisierung eine insgesamt unschöne Entwicklung ist. Der sog. Liberalismus hat sich seit 1989 immer weiter radikalisiert, und das wird nicht ewig so weiter gehen. 

Es gibt, wenn von den ersten Spuren der Sesshaftigkeit bis heute auf uns Affen schaut, so etwas wie eine Gesamtentwicklungsrichtig der Geschichte. Immer mehr Freiheit, immer mehr Selbst- und Mitbestimmung, und beide finden ihre Grenzen an der Freiheit und Selbstbestimmung der jeweils anderen. Auf Kosten der Ökosphäre haben wir den Kuchen jetzt so riesig anwachsen lassen, dass Bildung und Kindersterblichkeit und Todesursachen erfreuliche, nie dagewesene Werte erreichen. Da dieses Wachstum aber nunmal letztlich unentkoppelbar von Ressourcenverbräuchen ist, ist dies eine endliche Entwicklung. 

Es wird nicht bleiben, wie es ist. Die Normalität, die Regel von heute ist die Geschichte von morgen. 

Gruß, F. 




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