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Das erste Mal im Studio! Teil 2: Die Gitarrenaufnahmen

Liebe Gemeinde!

Da hatten wir nun meinen Kram in das Studio gekarrt. Ein ganz klar auf Amateurbetrieb ausgerichtetes Studio, soviel vorab. Dennoch fand ich die Ausstattung für unsere Zwecke mehr als ausreichend.

Wir haben vollständig digital aufgenommen, als Software funktionierte Logic Audio. Das übliche Effektgeraffel und alle möglichen Geräte, deren Einsatzzweck ich höchstens ahnen konnte waren zwar da, aber an diesen Tagen völlig überflüssig. Vor allem war mir klar, dass diese Gerätchen auch nur vernünftiges Grundmaterial verfeinern konnten, wenn ich jetzt Mist spielen würde, wäre das hinterher aber auch nur verfeinerter Mist.

Aus diesem Grund war ich reichlich nervös. Der Tonkutscher Jörg verstand es aber sehr gut, mir diese Nervosität zu nehmen. Jörg kümmerte sich in erster Linie darum, alles sauber aufs Band zu bekommen und für eine gute Stimmung zu sorgen. Wann wir was aufnahmen und wann wir damit zufrieden waren, war Carola und mein Job.

So, nun aber zur Aufnahme, bzw. zu den Vorbereitungen. Wie schon gesagt, hatten zwei Gitarren die Hauptarbeit zu erledigen. Wir fingen mit der Einstellung für die erste Gitarre an, manchen bekannt als Mary: http://www.aussensaiter.de/session3/felix_pics/Matthias1.JPG

Mary hat imho einen ausgewogenen Klang mit schlanken Bässen, transparenten Mitten und kräftigen Höhen. Von zart bis hart ist alles drin. Wir probierten drei Mikros aus, indem ich mit allen kurze Probeaufnahmen machte. Dieser "Muster"-Take beinhaltete dann auch möglichst alle Spiel- Stilrichtungen, die ich spielen wollte, also Parts aus den Balladen, dynamisches Rocken, Teil des Gitarrensolos to name but a few. Wir nahmen dann das Mikro, das nachher den in unseren Ohren besten Sound brachte: eine druckvolle, klar klingende Akustikgitarre war zu hören, nicht nur einfach "schön und hifi-weichgespült" sondern knackig. Dabei legte ich Wert darauf, diese Probespur mit allen verfügbaren Monitoren (insgesamt drei Paare) abzuhören.

Neben diesem "Hifi"-Mikro benutzten wir noch ein SM-58, bei dem wir die Kappe abgeschraubt hatten. Der Sound aus diesem Mikro war eher schlank und "lofi". Nur mit dieser Abnahme hatte der Sound etwas wenig Fundament, zusammengemischt mit dem anderen Mikro kam so aber etwas Dreck in den Klang.

Mit sämtlichen Mikros probierten wir noch unterschiedliche Ausrichtungen aus, was hörbare Unterschiede machte. Die beiden Mikros und die dann nachher ausgewählte Ausrichtung behielten wir dann konstant bei.

Und schon kam die erste massive Überraschung. Meine "andere" Gitarre klingt im täglichen Betrieb und in meinen Ohren etwas aggressiver als Mary. Jetzt stellten wir fest, dass sie auf dem Band deutlich weniger bissig war als Mary. Ich hatte Mary als Hauptgitarre vorgesehen, warf jetzt aber die Planung spontan um und wählte je nach Song spontan aus.

Nun war soweit alles klar. Kurz noch ein bißchen warmgespielt, dann saß ich da. Kopfhörer auf den Ohren, alle Augen und Ohren nur auf mich konzentriert, ganz allein hinter Glas und mit vor Nervosität ganz schön kalten Fingerspitzen. Ach was sollte es, diese Geschichten von wegen "first takes" glaube ich schon lange nicht mehr. Also egal, wenn es daneben geht! Kein Sicherheitstake, sondern mit Schwung gespielt, Herr Gitarrist! Und los. Durchatmen. Ich schaue durch die Scheibe Jörg an. Er nickt, ich kann also. Carola steht eine Kabine weiter und singt als "Guide" mit. Und ab. - Der Take fühlt sich gut an, kein Fehler drauf, den ich beim Spielen gemerkt hätte. Wir nehmen gleich noch einen zweiten auf. Kein Fehler, na dann, hören wir mal.

Der Sound steht. Die Gitarre klingt locker und groovt. Uuuuuuuuuuuuuups, da scheppert was im Refrain, f*ck! Der zweite Take ist irgendwie saft- und kraftlos. Nochmal den Fehler anhören, naja sowas gibts halt mal bei akustischen Gitarren. Jörg grinst und zieht mal Carolas Stimme auf und wir hören noch einmal nach dem Fehler. Nein, der ist jetzt kaum noch zu hören und hier kommen auch noch Backgroundvocals drauf. Allgemeine Meinung: Das ist absolut okay so, den Take können wir nehmen. Wir beschließen dennoch einen Kompromiß, indem wir noch einen Take probieren. Sollte der daneben gehen, dann bleibt es bei dem ersten, wenn nicht, dann hören wir mal. Zurück in die Kabine, Jörg nickt, ich lege los. Wir kommen fehlerfrei durch, ich sehe rüber in die andere Kabine zu Carola, die wie ich den Kopf schüttelt. Das war nix, fühlte sich schon beim Spielen nicht gut an - Tonne!

Ein First Take also bei diesem Song! Jawohl! Na, ging ja gut los. Nächsten Song. Ich vermassele das Intro beim ersten Mal. Beim zweiten Mal auch. Beim dritten Mal verspiele ich mich an einer Stelle, an der ich mich sonst nie verspielt habe. Nach ungefähr acht bis zehn Versuchen ist was auf dem Band, was sich schon gut anfühlte. Vor dem Probehören versuchen wir noch einen weiteren Take, der klappte auch auf Anhieb und war deutlich besser als der erste.

So hielten wir es dann für sämtliche Songs: So lange einspielen, bis zwei fehlerfreie Takes auf dem Band waren, die sich schon beim Spielen gut "anfühlten". Dann beide hören und den besseren nehmen. Das "gut Anfühlen" bedeutet bei uns "Interaktivität". Wenn die Gitarre gut kommt, singt Carola in meinen Ohren hörbar besser, was sich wieder auf mein Gitarrenspiel auswirkt. Eine lustlose Gitarre führt dagegen zu eher uninspiriertem Gesang. So können wir uns gegenseitig zur Hochform steigern oder auch runterziehen.

Die Aufnahme der in manchen Songs vorhandenen zweiten Gitarrenspur war dann meiner kleinen Archtop vorbehalten. Und zwar nur über das SM-58, Abteilung "Hifi meets Lofi". Kam gut, die Parts der Zweitgitarre waren pipileicht. Da ja die Erstgitarre und Carolas Gesang motiviert über die Kopfhörer kamen, waren die Zweitgitarren dann auch schnell und locker eingespielt. Spaßeshalber probierten wir dann mal ein paar Effekte auf der Lofi-Gitarre und seitdem brauche ich unbedingt einen Phaser! ;-)

Ich fasse mal zusammen. Mit vernünftigem Equipment und etwas Sorgfalt war es kein Problem, einen guten Sound zu basteln. Man sollte schon einigermaßen locker fehlerfrei durch den Song kommen können, damit die Aufnahmen nicht allzu lange dauern und das Ergebnis nicht total verkrampt klingt. Und ob es nachher der sagenumwobene First Take oder eben Nummer 27 ist, interessiert doch keinen wirklich.

Und über die Gesangsaufnahmen erzähle ich Euch dann später.

Mahlzeit

Matthias