Re: Rechtschreibungs-Viel-O-Sofie bei uns


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Beitrag von rrbth vom Oktober 14. 2004 um 11:11:34:

Als Antwort zu: Re: Rechtschreibungs-Viel-O-Sofie bei ebay geschrieben von ullli am Oktober 12. 2004 um 10:59:04:

Servus,

die vorletzte Woche hab ich mich mal genauer mir dieser "Reform" beschäftigt. Es ist unglaublich, welcher Blödsinn da mit welcher Borniertheit verzapft wurde/wird.

Ein Ergebnis war u.a. dieser Brief an die Kultusministerkonferenz

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    Ihre letzte Pressemitteilung (http://www.kmk.org/aktuell/pm041001a.htm) vom
    1. Oktober 2004 beginnen Sie mit dem Satz: „Die 1998 in den Schulen
    eingeführte reformierte Rechtschreibung erfährt in den Schulen hohe Akzeptanz
    und wird von den am Schulleben Beteiligten ausdrücklich unterstützt.“


    Das glaube ich nicht. Meine Erfahrung ist vielmehr, daß sowohl Eltern, Schüler
    als auch Lehrer (im privaten Gespräch, nicht in ihrer - ihrem Dienstherrn
    verpflichteten - Arbeit) in ihrer überwältigenden Mehrheit wenig bis gar nichts
    von dieser sogenannten Reform halten.

    Sicherlich kennen Sie den Artikel von Prof. Munske „Lob der Rechtschreibung“
    in der FAZ vom 4. Oktober. Dem ist nichts hinzuzufügen. Worin bestehen die
    Verbesserungen der „neuen“ gegenüber der „alten“ Rechtschreibung?

    Die Schreibung soll hauptsächlich das Lesen erleichtern, weshalb viele
    Schreibregeln sich mit dem Buchdruck entwickelt haben. Ein Text wird
    schließlich ein Mal geschrieben aber u. U. viele viele Male gelesen. Und da
    müssen Sie mir zustimmen: Das Lesen wird durch die reformierte Schreibung
    (eher) erschwert. Das betrifft vor allem das „ß“ und die Silbentrennung.

    Bei vielen Bekundungen der Reformierer drängt sich der Eindruck auf, daß sie
    (inzwischen) zwar eingesehen haben, daß ihre Reform zumindest nicht gut
    war/ist, doch wie trotzige Kinder beharren sie auf ihrer Entscheidung.

    So bringt es die Zwischenstaatliche Kommission für deutsche Rechtschreibung in
    ihrem 4.Bericht auf S. 22 trotz anderer Einsicht fertig, „Leid tun“ mit der
    Begründung (auch) vorzuschreiben, bei „Leid“ handle es sich um ein Substantiv.
    Da man sich aber doch nicht ganz wohl dabei fühlt, erlaubt man als „Variante“
    die Schreibung „leidtun“, da es zu „Zusammensetzungen aus (teilweise auch
    verblasstem) Substantiv + Verb“
    gehöre. Die „alte“ Schreibung „leid tun“ wird
    mit Begründungen (S. 52) abgelehnt, die das ganze Dilemma dieser Reform
    aufzeigen.

    Es wurde (wird?) versucht, für die Rechtschreibung - und damit für einen Teil
    der Sprache - in ein in sich stimmiges, auf formalen Unterscheidungskriterien
    beruhendes Regelsystem zu schaffen. Da das natürlich nicht funktionieren kann,
    wird alles, was nicht reinpaßt, eben passend gemacht oder als Variante
    zugelassen, womit man dann natürlich auch die Regelvielfalt vereinfacht hat!

    In den Stellungnahmen zur Getrennt- und Zusammenschreibung auf S. 52, heißt
    es weiter, daß zum „Punkt § 36 E2 (2): Der deutsche Beirat empfiehlt, diese
    Änderung nicht in das künftige Regelwerk aufzunehmen, da sich daraus
    gravierende Auswirkungen auf die Variantenvielfalt, auf die öffentliche
    Diskussion und auf andere Paragrafen ergeben können.“
    Der österreichische
    Beirat kann das noch besser und schreibt auf S. 65, im neuen „E2(2) sollte
    jedoch darauf Bedacht genommen werden, dass damit keine neuerliche (und aus
    der Geschichte als undurchführbar erkannte) semantische Differenzierung
    bewirkt wird.“


    Klasse, Sprachregeln ohne Rücksicht auf die Bedeutung - denn, wie heißt es auch
    (oder dagegen?) auf S. 52, die „Eindeutigkeit wird durch den Kontext
    gewährleistet.“
    Darauf muß man erstmal kommen!

    Mit freundlichen Grüßen
So, das mußte hier auch mal raus. Ich hoffe - wahrscheinlich vergebens - daß andere, wichtigere, z.B. wirtschaftliche Entscheidungen besser getroffen werden. Wobei - wenn man an Karstadt denkt ... (z.B.) oder die Maut ...

redi,
obwohl fast schon 50 Jahre alt, noch ein bißchen mehr desillusioniert


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