Re: Rückblick aus heutigem Zeitgeist


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Beitrag von wilhelm vom Dezember 16. 2003 um 12:31:41:

Als Antwort zu: (und noch einmal...) hendrix einfluss auf die entwicklung und geschichte der e-gitarre geschrieben von martin am Dezember 15. 2003 um 17:18:32:

Hallo Martin,

habe Deine Examensarbeit (erst mal den Hendrix-Kapitel) durchgelesen.

Dazu darf ich einige Kritik anbringen.

Grundsätzlich macht zumindest für Expertenkreise durchaus Sinn, Musik wissenschaftlich zu analysieren, oder historisch einzuordnen usw., aber der Versuch, besonders Hendrix- Musik (und ähnliche) auf diese Weise einzuordenen, ist für mich rein gefühlsmäßig ein Widerspruch in sich, denn die Intention seiner Musik ist die pure nicht einzuordnende musikalische Anarchie, im an sich wohltuenden Sinne, aus der Sicht der damaligen (spießigen) Zeit heraus betrachtet.

Mann stelle sich vor, Hendrix hätte auf der Bühne einen Notenständer vor sich stehen gehabt und nach Noten gespielt, daß wäre so passend wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge.
Wem also soll die Notenumsetzung seiner Musik nutzen, seine Musik ist in weiten Teilen zumindest mit der herkömmlichen Notenschrift nicht zu 100% dokumentierbar („konservierbar"), hier ist die Notenschrift an ihre Grenzen angekommen. Warum auch nicht, es gibt schließlich kein Naturgesetz, daß etwa nach der Notenschrift nichts mehr käme.
Der für bestimmte Musiken unabdingbare „Ersatz" für die Notenschrift, ist schon lange da, nämlich die elektromagnetische Tonaufzeichnung, die bei Erfindung der Notenschrift eben noch nicht verfügbar war. Notenschrift ist ja auch nichts anderes als das mittelbare Speichern von Musik, mit den (technischen) Mitteln, die bei ihrer Erfindung zur Verfügung standen.

Es ist auch absolut nicht vorstellbar, daß Hendrix-Musik in der Art eines „bayrisches Bilder- und Notenbüchel mit Wastl Fanderl" als Hausmusik von der ganzen Familie gespielt wird. Wozu also ("wertlose") Notationen. Wer Hendrix unbedingt nachspielen will, aber dafür Noten braucht, weil er es nicht vom Hören nachspielen kann, sollte es sowieso lassen, ihm fehlt einfach eine dafür nötige phänomenale Musikalität.

Im übrigen ist solche Art von Musik eine stark personalisierte Musik, die mit dem Künstler untrennbar verbunden ist, und fürs Nachspielen überhaupt nicht gedacht ist.
Das wird natürlich die Instrumentenindustrie ganz anders sehen, die richtig reich geworden ist, an unzähligen Trotteln wie mir, der meinte, eine echte 69er Stratocaster, Verstärker, und unzählige (aber falsche) Effektgeräte kaufen zu müssen, um nur so ein zweiter Hendrix werden zu können.
Ich kann zwar nicht behaupten, unmusikalisch zu sein, bin in einer musischen Familie aufgewachsen, wurde in den Kinderchor gesteckt usw. habe aber erst spät begriffen, daß ich, da wohlbehütet und ohne Sorgen aufgewachsen (mir ging es nicht dreckig genug), nicht das Fundament in mir trage, einen „Blues" zu entwickeln, bzw. der nötige fast kranke Ehrgeiz fehlte, zu üben, üben, üben, um am Schluß als Belohnung die „Streicheleinheiten" (Anerkennung, Berühmtheit, Ablaus...) tanken zu können.
Kurzum, fehlendes mentales Fundament, meine Faulheit, meine mangelnde Motivation, vielleicht auch nicht ausreichende Musikalität hat mich nicht zu dem Spitzengitarristen werden lassen, der ich sein wollte. Überdies verließ ich diverse Übungskeller fluchtartig, wenn es in Arbeit ausartete, dann ging mir in den Bands dieser Kult auf den Keks, der z.B. um das Fabrikat von Saiten getrieben wurde, wobei das bei einer elektr. Gitarre fast schnurz ist, bzw, geringe Klangunterschiede solchen Kult nicht rechtfertigen (das erinnert mich übrigens stark an den Kult, den z.B. HiFi-Freaks an den Tag legen über angebliche Klangunterschide, die aber kein Mensch hören kann, aber vor lauter Beschäftigung mit der Technik die Musik in den Hintergrund gerät, so das fast die geräusch- und rauschfreien Pausen zwischen der Musik wichtiger geworden sind, als die Musik selbst).

Ich bin mir sicher, das Hendrix (und andere) gar nicht solch einen Kult um die Technik und die Materialien gemacht hat, er hat einfach gespielt, wenn möglich, von morgens bis abends.

Aus meiner Sicht stimmt in Deiner Arbeit etwas auf der Zeitachse nicht.
Sein Tun wird zu sehr aus heutiger Sicht betrachtet, unter Auswertung von Erkenntnissen, die erst später, lange nach seinem Tod, einer breiteren Schicht zugänglich wurde.
Damals war der (Massen-) Videoclip noch nicht erfunden. Musik wurde, im Gegensatz zu heute, mehr auf musikalischer (akustischer) Ebene wahrgenommen bzw. „entdeckt".(eben auschließlich mit den Ohren).
Heute hat sich die Wahrnehmung und Entdeckung von Musik mehr auf die optische Ebene verschoben. Pop-Musik wird in Video-Clips verpackt (grundsätzlich nichts dagegen), aber mit dem Nebeneffekt, daß zuweilen Videoclips, die eigentlich Musik transportieren und bekannt machen sollen, eher an Werbeveranstaltungen für neue Klamottenmoden, Autos, Instrumente oder sonstige Industriegüter erinnern, auf Kosten der Musikqualität bzw. wird eine an sich „dünne", mittelmäßige Musik durch Optik aufgewertet, und damit im Grunde von der Musik abgelenkt.

Damals wurde Musik fast ausschließlich, für die breite Masse zumindest, durch Radio oder Schallplatte zugänglich bzw. bekannt gemacht. Die Musik mußte schon deshalb anspruchsvoller sein, um den reinen Hörer als potentiellen Käufer (seine Ohren) ansprechen zu können.
Ich wäre der letzte, der behaupten würde, daß früher alles besser war, aber es dürfte eine Tatsache sein, daß die Pop-Musik der sechziger bis heute der Maßstab ist, die heutigen Musiker noch immer von der Musik dieser Zeit „zehren", darauf aufbauen.
Zudem waren die meisten früheren Musiker Vollblutmusiker (die gibt es geute natürlich auch noch) die in ihre Musik versanken, sie die Welt um sich herum vergaßen (man denke dabei z.B. an einen Joe Cocker...). Dagegen kommt es mir bei vielen heutigen (Retorten-) Bands so vor, als ob es ihnen weniger um die Musik als eher um eitle Selbstdarstellung ihret schönen Gesichter oder knackigen Hinterns ginge („ ...wo ist die Camera..."), was mit Musik eher weniger zu tun hat.

Als für mich in dem Zusammenhang unerklärliches Phänomen empfinde ich, daß die heutige Jugend, will man ihnen die (Original-) Musik der 60er nahebringen, fast panikartig davon laufen, ihnen gerne Begriffe wie „alte Knacker Musik" über die Lippen kommt, ihnen aber nicht bewußt ist, daß die Musik, die sie heute gerne konsumieren, nichts anderes als der Abklatsch oder gar Kopien (in neuer Verpackung) dieser "alte Knacker Musik" ist.
Sie geben sich lieber mit zweit- und drittklassigen Kopien zu frieden als sich auch mal die Originale anzuhören, noch nicht einmal probeweise (offenbar zusammenhänglich mit dem in der Pubertät einsetzenden „Generationskonflikt", diese Musik erinnert sie wahrscheinlich zu sehr an die „spießigen" Eltern..)
Offensichtlich geht es nicht um Musik, sondern um schön anzusehende gleichaltige Boys oder Girls, deren Klamotten oder Frisur man tragen will (was auch wenig mir Musik zu tun hat).

Warum sollte auch eine Generation musikalischer sein als vorherige. Überquellende CD-Wühltische, bei denen man die CDs nachgeschmissen bekommt, sind kein Hinweis auf weit verbreitete Musikalität, sonder eher ein Nachweis für immer weiter um sich greifende Konsumverblödung, bei der es nur um das Sammeln von Tonträgern geht, wobei aber ein Menschenleben nicht ausreicht, die ganze zu hause gestapelte Musik sinnvoll anhören zu können. Schließlich hat man ja auch noch etwas anderes zu tun, z.B. einer Arbeit nachgehen.
Solche Massennachfrage, der immer kürzer werdende Abstand nach neuen Bedürfnissen, dem neuen „Kick", führt zwangsläufig zum Qualitätsverfall zeitgenössischer Musik, die zu einer eher belanglosen „ex und hop" Ware mutiert.
Bei Betrachtung dieser Star-Such-Shows wird sichtbar, welche „Verachtung" so manche Musikmacher ihrem Publikum gegenüber an den Tag legen, wenn sie den Kandidaten in aller Öffentlichkeit Tips geben, wie betroffen sie bei dem oder dem Lied gucken müssen, welche Klamotten sie tragen, sie sich bewegen müssen, um gut „rüber zu kommen". Das sind dann quasi Bedienungsanleitungen, wie der Sänger dem Publikum am besten etwas vorheuchelt.
Ich glaube kaum, daß ein Udo Jürgens, Howard Carpendale, Grönemeier usw. solcher Beratung bedürfen, sie geben sich so wie sie sind, sie machen „ehrliche" Musik, das ist das Geheimnis ihres verdienten, z.T. jahrzehntelangen Erfolges.

Jedenfalls beruhte der damalige breite Erfolg J.H.s aus besagten Gründen auf purer Musik, ganz einfach deshalb, weil die große Mehrheit der Konsumenten ihn nie in Aktion zu Gesicht bekommen hat (außer eben den üblichen Fotos auf den Plattenhüllen oder in Pop- Zeitschriften), ihnen nichts anders übrig blieb, sich mit ihm (und anderen) rein akustisch auseinanderzusetzen.
Und von der Minderheit, die seine Konzerte besuchen konnten, waren auch nur wenige, die sich für seine Spieltechnik interessierten, wofür sie dann aber nah genug an der Bühne stehen mußten, was auch nur die wenigsten konnten.
Wobei selbst das schwierig war, denn ein Genuß war zumindest das Konzert, das ich besuchte (1969 Jahrhunderthalle Frankfurt Höchst), überhaupt nicht. Die Mittelmäßigkeit seines Spiels (er war eben nicht gut drauf) und die barbarische Lautstärke veranlasste mich sogar, das Konzert vorzeitig zu verlassen.
Übrigens habe ich an anderer Stelle auch schon mal ausgeführt, daß Hendrix manchmal wie ein Stümper spielte, bin also kein verbohrter oder gar fanatischer Fan, der für die Schattenseiten seines Stars blind ist. Da verstehe ich nicht, daß mir Ferdi (hallo) unterstellt, ich stehe „..volle Kanne und kompromisslos auf Hendrix..". Mir gefällt einiges an J.H. nicht, seine Purzelbäume, seine Bühneneskapaden (die ihm übrigens selbst nicht geheuer waren, er lieber reine Muisk machen wollte).
Daß Du in Deiner Arbeit übrigens einräumst, Hendrix hätte seine Gitarre spontan angezündet haben, bezweifle ich stark, denn welcher normale Mensch hat ein Benzinfläschchen bei sich, wenn er nicht damit etwas vorhat. Aber diesen Rabatz den er manchmal machte (aber garnicht so oft wie immer behauptet, und er darauf reduziert wird), anzünden und so, fand und finde ich einfach peinlich.

Jedenfalls wurden die in Deiner Arbeit beschriebenen Spieltechniken, bzw, der Umgang mit Hebeln, Drehern, Geräten, Pedalen usw. aber auch die Bühnen-Show-Einlagen erst allgemein bekannt, als nach und nach Musik-Videos veröffentlicht wurden. Es ist schon etwas abenteuerlich, zu behaupten, Hendrix hätte durch heraus- und hineinstecken von Steckern Sound gemacht. Mir ist lediglich eine Szene in Erinnerung, in dem er Stecker an Boden-Effektgeräten umsteckte, weil sie schlicht und ergreifend falsch eingesteckt waren. Absolut nicht nachvollziehen kann ich, was z.B. an einer von Dir erwähnten um eine Halbton anders gestimmten Gitarre Hendrix-spezifisch sein soll, entschuldige, das ist lachhaft, weil völlig unerheblich, uninteressant.
Wissenschaftlich seriös kann doch keine Aussage sein, die sich rein auf Beobachtungen aus Filmmaterial bezieht (unterstellt, Du warst nicht persönlich anwesend, als Hendrix musizierte). Da sollte schon jemand mal eine Stratocaster in die Hand nehmen und die Griffe, Handlungen, Bedienungen und Effekte ausprobieren, nur so kann der Nachweis erbracht werden, ob dieses oder jenes, zu diesem oder jenen Klangergebnis („Hendrix-Sound") führt.

Aber das ganze interessierte die Mehrheit damals überhaupt nicht, ja sie kam aus besagten Gründen an diese „optischen Informationen" ja gar nicht heran. Genausowenig wie die Mehrheit sich nicht für den Klirrfaktor einer Stereoanlage interessierte, das war damals alles kein Thema. Es waren einfach andere gefühlsbetontere „romantischere", weniger technisch/materialistische Zeiten.
Deshalb ist ja der Rückblick auf die damalige Zeit aus heutiger Sicht so schwierig, weil es fast unmöglich ist, die verinnerlichte Gegenwart, den momentanen Zeitgeist dabei auszuklinken. Naturgemäß tun sich da wirkliche Zeitzeugen wohl etwas leichter.

Das kann sich heute vielleicht niemand mehr vorstellen, aber ich habe, wie alle damaligen Hits, das erste Lied von Hendrix das ich hörte („Hey Joe") mit einem klitzekleinen in eine hohle Hand passendes Transistor-Radio gehört (ich hatte nichts anderes), und dennoch hat mich das, trotz bescheidenem Klang, umgehauen. Von nun an wurde ich neugierig, ich wollte aber nicht vorrangig wissen, welche Spieltechniken, welche Saiten er benutzt usw., nein, ich wollte wissen, wie dieser mit mir „seelenverwandte" Mann heißt, der mich mit seiner Musik so anspricht, fesselt, verzaubert, wie er aussieht usw.. Wenig später bekam ich ihn zum ersten Male zu sehen, im Klappcover der "Axis..." LP.
Das bekannte Schwarzweiß-Bild, mit den drei Krausköpfen (Mitch Mitchels naturglattes Haar wurde extra dafür kraus tuppiert) . Da stand unter anderem „..Jimi Hendrix is the man in dhe middle with the curliy hair and the broken face.." So sah er also aus, nach meinem Empfinden konnte jemand, der solche Musik macht, gar nicht anders aussehen („personalisierte" Musik).

Schon dieses Bild war damals eine einzige Provokation, es hat, zusammen mit der Musik meine Denke und wohl auch die vieler andere Zeitgenossen dramatisch verändert (weit über die Musik hinaus in alle Lebensbereiche gehend). Es stand einfach stellvertretend für eine Denke, die Mut machte, althergebrachtes über Bord zu werfen. Die damalige Musik hat maßgeblich eine Denk-Revolution entfacht, weil sie über Radio und Plattenspieler ungehindert in die Wohnungen dringen konnte. Das macht aus meiner Erfahrung und Erinnerung die Zeit aus, die man heute die „68er" nennt. Die Studentenunruhen fanden fernab in den Ballungszentren statt, da blieben die Leute mehr unter sich, aber auch sie waren von der Musik (auch den Texten) beeinflußt. Die meisten Menschen damals waren unpolitischer, als das heute dargestellt wird, sie hatten anderes zu tun, z.B. ganz normal ihrer Arbeit nachgehen. Die „Revolution" fand eher im Stillen, in den Köpfen Statt.

Erst 20 Jahre später, als Video für eine breite Masse erschwinglich wurde, und Hendrix-Konzert- Videos veröffentlicht wurden, bekamen die Fans (die noch übrig gebliebenen...) ihn überhaupt zu Gesicht (in Aktion), und konnten erst zu dem Zeitpunkt seine Spieltechnik, wenn sie denn wollten, analysieren. Mich hat das wenig interessiert, hatte eh meine aktive Gitarrenzeit durch Gründung einer Familie lange hinter mir, mich hat nur sein Habitus interessiert, wenn er dieses oder jenes Stück, die mir alle schon lange bekannt waren, spielt.
Ja selbst die manchmal langen und z.T. humorvollen Ansprachen („.. paßt auf eure Ohren auf..") dieses charismatischen Mannes haben mich interessiert und fasziniert.

Übrigens will ich in diesem Forum (Abteilung Philosophie) niemandem was böses, es ist meine Art, alles zu hinterfragen und über meine Gefühle zu sprechen, womit aber nach meiner Erfahrung so manche Mitmenschen nicht so richtig umgehen, bzw. das nicht adäquat erwidern können, und darauf dann übertrieben „cool", oder mit Häme oder gar bis hin zu persönlicher Anmache, reagieren. Was ich auch beobachte ist, das immer mehr, vor allem junge Menschen offenbar verlernen, zu staunen, zu allem eine „na und"- Haltung an den Tag legen, offenbar nicht abkönnen, „ihren Meister" gefunden zu haben (Selbstüberschätzung), die Leistung anderer nicht mehr zu würdigen wissen. Eine ungute Entwicklung, liegt es an der Reizüberflutung, ich habe es noch nicht so recht rausgefunden.

friedfertiger Gruß, wilhelm





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