Re: Alte Männer, die Musik machen – Everything must go


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Beitrag von Michael vom Juni 26. 2003 um 15:52:57:

Als Antwort zu: Alte Männer, die Musik machen – Everything must go geschrieben von Michael (Jacuzzi) am Juni 26. 2003 um 12:03:58:

Nun ja,

sicher ist das "Alterswerk" der beiden Herren produktionstechnisch auf einem hervorragenden Niveau, was aber eigentlich nicht weiter verwundert, denn das zeichnete ihre Produktionen schon immer aus (um aber mal zu hören, was ein wirklich überragendes Klangniveau darstellt, dem sei mal die letztes Jahr bei Stockfisch - Meister Pauler am Pult - erschienene Sarah K.-Scheibe ans Herz gelegt. So was habe ich von einer CD noch nicht um die Ohren geschlagen bekommen. Das ist noch mal eine ganz andere Liga...).

Als Steely Dan-Fan der ersten Stunde (damit als Altsack geoutet) fällt mir aber bei den beiden letzten Alben der Herren auf, dass anscheinend ihre Fähigkeiten als Songwriter doch etwas nachgelassen haben. Das Zeugs wirkt manchmal arg "bemüht". Songperlen, wie sie noch auf ihren 70er-Jahre-Platten wie "Pretzel Logic", "Aja" oder "Goucho" zuhauf vorhanden waren, diese kleinen Hooklines und Melodeien, die sich trotz ihrer harmonischen und rhythmischen Vertracktheit quasi ins Ohr "reinbrannten", die sucht man doch vergebens. Schade eigentlich...(vielleicht machen sie ja jetzt Kunst, wer weiss es schon...)

Das Zeugs besteht eigentlich nur noch aus diesen komplexen,verschachtelten Harmonien im typischen Fagen/Becker-Sound aber ohne Überraschungen. Es wird genau das abgeliefert, was der "intellektuelle" (also der, der mehr mit dem "Verstand" als mit dem "Bauch" hört) Fan erwartet. Macht Laune auf einer guten HiFi-Anlage, weil alles glasklar, aber letztlich ist das ganze nur eine, eigentlich überflüssige "Two against Nature"-Part two. Wobei diese Platte schon bei weitem nicht mehr an die Qualitäten der Fagen-Soloplatten "Nightfly" oder "Kamakiriad" heranreichte (immer natürlich imho). Etwas mehr Abwechslung (wie damals, als praktisch jede Platte anders als ihre Vorgängerin war) wäre schon schön gewesen, denn das Potential hätten die beiden eigentlich (hoffentlich..).
"Steely Dan ist weise, heruntergebrannte, destillierte Musik" - aber leider auch etwas einfallslos (die Harmoniewechsel, so kompliziert sie auch klingen mögen, hat man alle schon mal in der einen oder anderen Form auf anderen Platten der Herren gehört) auf der eigenen Legende herumreitend...Mit gutem Sound kann man halt doch einige Schwächen übertünchen ;-).

Zu Beckers Saitenkünsten auch noch mal eine Anmerkung:

Würde man mal eine "Hall of Fame" der besten - sagen wir mal - 15 Gitarrensoli der Geschichte erstellen, dürften dabei wahrscheinlich imho mindestens 5 Soli von Steely Dan-Platten aus den 70ern sein. Die Liste der an diesen Platten solistisch beteiligten Gitarristen ist einfach umwerfend (nur mal so als Beispiele: Lee Ritenouer, Larry Carlton, Tommy Tedesco, Jeff Baxter, Larry Coryall, Dean Parks, Steve Khan usw. usw.), Becker hielt sich damals in Anbetracht dieser geballten Konkurrenz wohlweislich (mit ein paar wenigen Takten Ausnahme) zurück. Ob er aber in den letzten knapp 20 Jahren die handwerkliche Lücke zu diesen o.g. Gitarristen wirklich geschlossen hat, ist wohl eher zu bezweifeln.

So, genug gemeckert...

Gruss

Michael


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