Re: (Effekte) Frust


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Beitrag von Joe vom Mai 26. 2004 um 18:26:53:

Als Antwort zu: (Effekte) Frust geschrieben von Woody am Mai 18. 2004 um 12:26:04:

: Hallo zusammen,
:
: da habe ich einen guten Jazzgitarrenlehrer, Amp und Gitarre für ein Schweinegeld und finde seit Wochen nicht die Zeit und vor allem nicht die Muße, zu üben.
:
: Seit einem halben Jahr habe ich jetzt also Unterricht, Equipment das professionellen Ansprüchen genügen würde und traue mich kaum Leute zu fragen, ob sie mit mir Musik machen wollen, weil ich so schlecht spiele.
: An der Uni habe ich jede Woche einen A**** voll Arbeit, und meinen Job muß ich nebenbei auch noch versehen. Ich bin gar nicht so selten zu Hause, aber wenn, dann habe ich keinen Kopf mehr, mich hinzusetzen, und produktiv zu üben und komme seit Wochen nicht vorwärts.
:
: Wie macht ihr das?
:
: Gruß,
: Woody

Oh Woody,

wie ich dir das nachfühlen kann! Ich hoffe, meine Antwort kommt nicht so spät, dass du sie nicht mehr liest...

Mir ging's lange Zeit ähnlich wie dir. Meine Randbedingungen waren zwar anders, aber das Grundproblem war ähnlich. Drei Dinge sind mir im Weg gestanden: (1) Ich selbst (Selbstzweifel...) (2) Übertriebener Ehrgeiz (3) Falsche Prioritäten.

Dieses Gebräu setzt eine zwanghafte Logik in Gang. An jedem Übungsabend mit der (wundervollen!) Band war ich zerknirscht über mich selbst und meine vermeintliche Unfähigkeit. Alle anderen wollten in erster Linie zusammen Spaß haben, und dann war einer dabei, der nur mit sichtlicher Mühe seine schlechte Laune im Zaum halten konnte. Pures Gift für die Stimmung! Du spürst es, wirst noch zerknirschter - ein Teufelskreis. Am Ende mag dich in der Band womöglich wirklich keiner mehr sehen, aber nicht wegen deiner ungenügenden Spielkünste, sondern weil du als Spaßverderber und Stinkstiefel rüberkommst.

Was tun? Es ist eigentlich ganz einfach, sobald man seinen Kopf freigekriegt hat.

(1) Nimm dir *wenige* Stücke vor, die du magst (!!) und die für dich erreichbar sind. Konzentrier' dich beim Üben darauf und finde dabei heraus: Eigentlich gar nicht so schlecht! Balsam für die Seele (und gegen die Selbstzweifel), kann ich dir sagen.
(2) Überleg' dir, ob dein Jazzlehrer der Richtige ist. Ohne näheres Wissen wage ich mal folgende Behauptung: Wenn du dich damit aufhältst, Notenlesen "richtig" zu lernen, brauchst du unendliche Geduld, und wer weiß ob du je zum Ziel kommst. Warum nicht den Lehrer bitten, "deine" Stücke (s.o.) gezielt mit dir zu üben, inkl. praktischer Tipps dazu, wie setze ich Ziehtöne und Vibrato richtig ein, etc. etc. Weg mit dem theoretischen Ballast, einfach spielen (im Wortsinn: *einfach*), aber wirkungsvoll. Ich habe mich über mich selbst gewundert, wieviel man selbst mit langsamen Wurstfingern (traurig aber wahr) aus dem Brett 'rausholt, wenn man einfache Effekte einsetzt.
(3) Hör' dir "deine" Stücke (s.o.) in der Fassung deines Lieblingsinterpreten an, bis du sie Ton für Ton träumen kannst. Das gibt unglaublich mehr Sicherheit. Puristen werden sagen: Zu langweilig, ich will selbst kreativ sein und nicht nur nachspielen. Ich sage: Ok, aber mit etwas muss man anfangen. Und am Anfang braucht man schnelle Erfolgserlebnisse, damit die Motivation stimmt. Wenn du eines Tages zum Improvisationskünstler wirst, umso besser. (Ich warte übrigens heute noch auf den Tag, aber Spaß habe ich auch beim reinen Nachspielen nach wie vor jede Menge...)
(4) Zeit... Ja, auch da kann man was machen. Warum übst du nicht am Morgen? Abends kommst du ausgepumpt nach Hause, da läuft nix mehr. Ich kann ein Lied davon singen (z.Zt. 70-80 Arbeitsstunden pro Woche). Aber morgens gehört dir deine Zeit, du bist noch frisch in der Birne, keiner will was von dir. Und wenn's nur 15 Minuten sind, aber jeden Morgen. Wirkt Wunder, glaub's mir! Ganz nebenbei: du gehst viel besser gelaunt in den Tag.
(5) Such dir eine Band, mit allen Mitteln. Musik macht auf Dauer nur zusammen Spaß. Allein versauerst du, früher oder später.

Na ja, gute Ratschläge sind nicht immer passend, aber vielleicht kannst du zumindest ein bisschen damit anfangen.

- Joe


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