(Gitarre) zwei Mega-Konzerte in der Retrospektive


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Beitrag von Kurt vom Mai 26. 2003 um 14:17:42:

Hallo Gemeinde,

ich hatte in diesem Mai das Glück, zwei Weltklasse-Gitarristen innerhalb von 2 Wochen live zu erleben. Beide habe ich live zum erstenmal erlebt und ich weiß nicht, ob und wann ich einen von beiden noch einmal live hören kann.
Die Konzerte waren kraß unterschiedlich, in fast allen Belangen. Ich möchte hier einfach nur mal meine Eindrücke wiedergeben.

1. Pat Metheny mit Charlie Haden (Kontrabaß) im Duett. Stadthalle Fürth am 10.5.03
- Riesengroße Halle, aber nicht ausverkauft (etwa nur zur Hälfte). Die Halle wurde vor dem Konzert durch Zwischenwände verkleinert.
- Eintrittspreise eigentlich jenseits der Schmerzgrenze: 38 bis 55 Euro, je nach Platz.
- Riesengroße Bühne, ewig viel Platz für die Musiker
- vergleichsweise kleine PA
- einen Tick zu leise
- akustischer Sound, keine Soundveränderung während eines Stücks (Pat wechselte zwischen den Stücken ein paar mal zwischen Akustik- und Jazz-Gitarre, ein Stück spielte er mit seiner "Picasso"-Gitarre).
- Musikcharakter: alles weich fließend, smooth, aus einem Guß. Geht ganz easy rein ins Ohr. Wie bei einem geilen Wellenritt, aber ohne naß zu werden.
- wenig Emotion bei den Musikern zu erkennen (Pat wie immer mit gesenktem Kopf, schaut nur aufs Griffbrett, seine Haare verbergen sein Gesicht).
- Soli: einfach brilliant.

2. John Scofield mit seiner "Überjam"-Band (rhythm git, e-bass, drums). Jazzclub Birdland in Neuburg/Donau gestern, 25.5.03
- kleiner, enger Jazzclub. Volle Bude.
- Eintrittspreise angemessen: 20 Euro für Nichtmitglieder (15 für Mitglieder).
- kleine, enge Bühne, zu einem Drittel vom nichtgenutzen Bösendorfer-Flügel belegt. Der Bassist mußte sich hinten im Eck der Bühne rumdrücken.
- gar keine PA
- schweinslaut.
- voll elektrischer SOund. eine Mordspalette an Effektgeräten (alles Bodentreter) bei beiden Gitarristen, die sich u.a. auch live selbst gesampelt und geloopt haben. Avi Bortnick (der Rhyt.git) bediente auch noch ein Mac-Notebook mit vielen Samples und Percussion aus der Dose. Für meinen Geschmack bisweilen zuviel der elektronischen Spielerei.
- Musikcharakter: rhythm&groove, gitarre rockig-röhrig (eben Scofield), schrille Sounds. Harmonisch hatte ich den Eindruck, Sco spielt zwar jeden Akkord zwingend und hörbar aus, aber immer outside! Bisweilen schwere Kost. Er wäscht den Zuhörern bei jedem Stück dreimal den Kopf.
- Viel Bewegung und Action auf der Bühne, auch bei Sco in seinem Spiel. Er soliert absolut virtuos mit geschlossenen Augen, macht dabei traumhaft sichere Sprünge übers ganze Griffbrett. Exzessive Mimik, in der Musik ein ungeheures Energieniveau, er gibt wirklich 120 %!
- Soli: einfach unglaublich.

Welches war besser? Ganz schwer zu sagen. Bei beiden Konzerten wußte ich ungefähr, was mich erwartet (bei Scofield muß man auf Überraschungen gefaßt sein), beide Male hatte ich (logischerweise) große Erwartungen, die dann natürlich genau so nicht erfüllt werden, aber in anderer Hinsicht wieder übertroffen wurden. Pat schickt dich auf noch nie erlebte, wunderbar geführte harmonische Reisen, wie im Lehnsessel im imax-Kino. Sco ist irgendwie auf der avandgardistischen Suche nach einer neuen Jazz-Drums&Bass-Fusion.
Eigentlich kaum miteinander vergleichbar. Ebenso kaum vorzustellen, daß die beiden vor gar nicht so langer Zeit miteinander eine CD eingespielt haben.

Uff. Und Grüße
Kurt


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